21.II.1916 “Heute hat die Beschießung der Forts und Stellungen begonnen”

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Wolfgang Husserl an M. Husserl, 21. II. 1916

 

Liebe Mama!                                                                                                                                                                 21. 2. 16

Heute erhielt ich deinen lieben Brief vom 17. des Monats. Ich freute mich sehr. Schicke mir doch häufiger etwas. Seit gestern ist herrliches klares, kaltes Wetter. Heute hat die Beschießung der Forts und Stellungen begonnen. Die Côte ist in Rauch gehüllt. Wir können von hier aus das Schießen der schweren Artillerie sehr schön beobachten. Acht Fesselballons stehen am Himmel, um das Feuer zu leiten. Ein rasendes Donnern geht durch die Luft, und die Erde zittert. In etwa 3 Tagen wird unsere Division als letzte zum Angriff schreiten. – Gestern war ich drüben beim I. Bataillon, das bei Baroncourt liegt, 7 km von uns entfernt. Ich musste lachen, als ich zwei kleine Kinder auf der Straße sah. Es gibt dort nämlich noch Zivilbevölkerung. Ich besuchte Herrn Hauptmann Mattersdorf und den lieben, trefflichen Komanitzik (Adjutant). Dann war ich bei der 1. Kompanie, die mich sehr herzlich aufnahm. Die Herren lassen Euch vielmals grüßen. Mit Herrn Oberstleutnant habe ich wegen Gerhart noch nicht gesprochen. Es ist jetzt ein schlechter Zeitpunkt. Eben ist Exzellenz beim Regiment. Wir wollen hören, was es Neues bringt.

W.

Seit einiger Zeit dürfen wir als Absender nur noch Regiment und Kompanie angeben. Für Euch bleibt die Adresse dieselbe.

19.II.1916 “Ich fühl’ mich sehr wohl und kräftig”

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Wolfgang Husserl an M. Husserl, 19. II. 1916

 

Liebe Mama!                                                                                                                          19.2.1916. Ferme zur schönen Aussicht.

Ich freue mich sehr, dass ich regelmäßige Nachrichten von zu Hause bekomme, zuletzt Dein Schreiben vom 14. II. … Das schlechte Wetter, das recht beharrlich ist, ist ein großes Unglück. Denn jetzt haben die Franzosen längst Wind von dem, was man hier vorhat, bekommen. In den letzten Tagen sind allein 5 Mann von verschiedenen Regimentern, teils Polen, teils Elsässer, übergelaufen. Die Franzosen schießen daher auch recht lebhaft in die Ortsunterkünfte. Es ist ein unabsehbarer Schaden durch diese unliebsame Verzögerung angerichtet. Cadorna hatte mit seinen Berichten vom ungünstigen Wetter durchaus recht. Sonst ist das Leben für uns ja sehr schön, ein wenig Dienst (Appells, Exerzieren, Unterricht), sonst gesunde Langeweile, essen, schlafen, lesen. Ich fühl’ mich sehr wohl und kräftig. Lese jetzt Thukydides’ II. Buch.

Viele Grüße,

Wolfgang

Theodor Conrad – founder of the “Göttinger Philosophische Gesellschaft” (1907)

Conrad Theodor vor dem 1. WK

A few of the meetings of the “Göttinger Philosophische Gesellschaft” (founded by Theodor Conrad) took place in the “Frankfurter Hof” (see the pictures below).

See Conrad’s short note:

„Ebenso wurde darüber [über den phänomenologischen Idealismus] auch in den 1907 von mir [Theodor Conrad] eingerichteten Diskussionsabenden des Göttinger engeren Schülerkreises von Husserl diskutiert; daraus entstand dann die sog. “Philosophische Gesellschaft”, die ich mit Unterbrechungen bis 1909 bzw. 1910 und dann wieder meiner Erinnerung nach, einer Einladung vom 23. Mai 1912 gemäß, im Sommersemester 1912 leitete. In den Zwischenzeiten wurde sie zuerst durch Karl Neuhaus, später durch Dietrich von Hildebrand und zuletzt 1 1/2 Jahre lang von Hedwig Martius geführt. Der ältesten Gruppe, der des Jahres 1907, gehörten neben Neuhaus Wilhelm Schapp, Heinrich Hofmann, David Katz, Alfred von Sybel, Alexander Rosenblum an, zeitweise auch Dr. jur. Heinrich; später auch Adolf Reinach und wer sonst jeweils aus München dazukam, so u.a. Hildebrand und Scheler.“  

(“Ein Zeitzeuge über die Anfänge der phänomenologischen.Bewegung: Theodor Conrads Bericht aus dem Jahre 1954“, ed. by E. Avé-Lallemant und Karl Schuhmann, in: Husserl Studies 9: 77-90, 1992.)

Göttingen Frankfurter Hof Philosophische Gesellschaft 1912 (red.)Göttingen Frankfurter Hof 1910

 

15.II.1916 “Schade, dass Papa mir so selten schreibt”

Verdun1916red.

Wolfgang Husserl an M. Husserl, 15. II. 1916

 

Liebe Mama!                                                                                                                                 15.2.16

Wir sind nun zum II. Bataillon gekommen. Es gefällt mir wenig, da wir so den Angriff aus etwas weiterer Entfernung als Brigadereserve mitmachen werden. Na, ich denke mit einem Stoß ist es nicht abgetan. Das II. Bataillon ist, was Offiziere und den Kommandeur anbetrifft, das schlechteste. Wir werden uns da nie wohl fühlen. Herr Rittmeister von Massew sieht aus wie ein echter Junker und ist in seinem Benehmen auch recht junkerlich und hochnäsig. Mit seiner schnarrenden Stimme und seinem kantigen Auftreten erscheint er mir als eine Karikatur. Er trinkt sehr viel. Die Bataillonsübung, die er heute Vormittag abhielt, war recht komisch, da er sie so unkriegsmäßig wie möglich gestaltete und jede Gelegenheit benützte, die Kompanieführer anzupfeifen. Der genaue Angriffsbefehl der Division ist schon da, Zeit noch unbekannt. Sehr nett sind die Übungen in der Kompanie, die Herr Oberleutnant Alt abhielt. Nicht schematisches Exerzieren, sondern kunstvoll ausgedachte kurze Übungen, die Wert haben. Zum Beispiel Durchreiten eines Hindernisses, einer dichten Hecke, einer Gartenmauer usw. Zu schade, dass ich aus allen netten Beziehungen rausgerissen bin!

Dein Brief vom 11. des Monats erhalten. Hoffentlich geht der Umzug gut vonstatten. Wenn die Postsperre vorbei, werdet Ihr einen großen Haufen Briefe von mir bekommen. Ich schreibe in dieser Zeit sehr viel. Das Wetter ist leider noch immer ungünstig. Heute war ein mächtiger Sturm.

W.

Es ist schön, dass ich so viel Briefe von zu Hause bekomme. Schade, dass Papa mir so selten schreibt. Manchmal bin ich doch etwas traurig und brauche Aufmunterung, im Allgemeinen aber stets guter Dinge. Horaz ist mein steter Genosse. Et fractus illabatur orbis impavidum ferient ruinae, danach will ich handeln.

 

Hedwig Conrad-Martius und Theodor Conrad: Aus dem Phänomenologenheim in Bergzabern

Conrad-Martius - Bio Apfel

 

Zur Erinnerung an Hedwig Conrad-Martius

 

<Der folgende, mehr anekdotenhafte Text wurde ursprünglich für das “Mitteilungblatt” Nr. 35 (2012) des Husserl-Archiv Leuven geschrieben. – Durch Recherchen der letzten Jahren wurde einige Informationen zum Bergzaberner Phänomenologenkreis zusammengetragen und dadurch die Erinnerung an die kleine phänomenologisierende Gemeinschaft fernab von den damaligen phänomenologischen Zirkeln an den Universitäten in Göttingen, Freiburg und München wachgehalten. Im Folgenden werde ich lediglich einige „Schätze“ des Archivs vorstellen, die in den Bergzaberner Zusammenhang passen – ohne näher auf die Bedeutung dieses Kreises einzugehen (vgl. dazu ausführlicher Joachim Feldes: „Dem Bergzaberner Kreis auf der Spur“, in: Gottstein, Dietrich/Sepp, Hans Rainer: Philosophie des Politischen und einer Philosophischen Kosmologie. Eberhard Avé-Lallemant zum 80. Geburtstag, 2008, S. 315–331).>

 

Aus dem Phänomenologenheim in Bergzabern.

Über wirkliche Wirklichkeit: Orangenreinette und Ananasreinette, Pensionäre, Truthähne,

Plantagenarbeit und die Pflanzenseele

 

Papiere aller Art, wie Einladungsschreiben, Universitätsankündigungen, Bankauszüge und Briefe finden sich in großer Zahl unter Husserls Manuskripten. Er benutzte diese als Umschläge, als Titel- und Zwischenblätter und für seine Notizen. Das kleinformatige Blatt mit der Archivpaginierung „6“ aus dem Konvolut A VI 6 trägt die Aufschrift „Motivation und Assoziation“. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Blatt jedoch um den Schlussteil eines Briefes, von dem man noch folgende Zeilen lesen kann:

“<…> bei ihm aufgestapelt. Alter Hausbau und Plantage nahmen bisher zuviel Zeit in Anspruch. Bitte

grüßen Sie auch Ihre Frau Gemahlin aufs Beste. Ihre dankbar ergebene Hedwig Conrad-Martius.”

Was hat es mit dieser Plantage, die „bisher zuviel Zeit in Anspruch“ nahm, auf sich? – Die Briefschreiberin, Hedwig Conrad-Martius, gehörte zum Göttinger Schülerkreis Husserls. Sie promovierte 1912 mit der von der Philosophischen Fakultät in Göttingen preisgekrönten Arbeit „Die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Positivismus“. In seinem Gutachten bescheinigt Husserl ihr „ungewöhnliche Fähigkeiten phänomenologischer Analyse und philosophischer Kritik“. Ein anderes Mal hebt er ihre „frappante Originalität“ hervor. Die Promotionsfeier findet auf Einladung Husserls – es „soll ordentlich gefeiert werden“ – in seinem Haus statt. Wenig später heiratet Hedwig ihren Studienkollegen Theodor Conrad (Neffe von Theodor Lipps und Gründer der Göttinger Philosophischen Gesellschaft). Noch im selben Jahr zieht das Paar in die Pfalz, und zwar in die Heimatstadt von Theodor Conrad nach Bergzabern.

Die Jungvermählten entscheiden sich gegen eine akademische Karriere; sie erwerben eine Obstplantage, aus deren Erträgen sie fortan ihren Lebensunterhalt finanzieren wollen. Erst im Jahr 1937 geben sie diese Plantage auf und ziehen nach München. Während dieser 25 Jahre war ihr Haus am Eisbrünnleweg (heute Neubergstraße 16) ein Treffpunkt für zahlreiche Phänomenologen. Husserl spricht mit ironischem Unterton von der „philosophischen Insel in Bergzabern“. Für Edith Stein, die sich mehrfach und über längere Zeiträume im Haus der Conrads aufhält – und hier im Jahr 1921 beim Lesen der Autobiographie der Teresa von Ávila wohl den entscheidenden Anstoß für ihre Konversion erhält –, ist es schlicht das „Phänomenologenheim“.

Im Archiv befindet sich ein Brief, den Theodor Conrad kurz vor seinem Tod im März 1969 an Pater Van Breda geschrieben hat. Er erzählt:

“Bergzabern <…> wurde 1912 meiner Frau und mir eine neue Heimat. Zwar war ich in Vorbereitung zu einer Husserl bereits genehmen Privatdozentur bei ihm, musste jedoch diesen Plan aufgeben zugunsten unserer Existenz, die wir durch den Aufbau einer größeren Obstanlage zu sichern glaubten. Bergzabern war der Treffpunkt vieler Phänomenologen geworden. Tagsüber griffen sie herzhaft bei unserer Gartenarbeit zu, um dann abends philosophieren zu können. Es kamen: die uns bis dahin unbekannte Edith Stein, die oft Monate lang unserer Gast war, ferner Philipp Schwarz (aus dem nahen Landau), dann sehr oft Jean Hering, und öfter auch Koyré (aus Paris), ferner Hans Lipps, der bei Husserl promoviert hatte, welcher einmal den Verfasser der „Unsichtbaren Flagge“ Peter Bamm mitbrachte, womit der Weg zu seiner späteren philosophischen Ratgeberin Hedwig Conrad-Martius gebahnt war; insbesondere für seine späteren Bücher.”

Weitere Bergzabern-Details hat Karl Schuhmann für das Archiv gesammelt. Unter den von ihm so bezeichneten „Notizen zu meinem Besuch bei Dr. Theodor Conrad, Starnberg, am 27. 7. 1968“ findet sich der Hinweis, dass der Vorschlag zum Erwerb der Obstplantage von Conrads engstem Freund, Alfred von Sybel (ebenfalls Gründungsmitglied der Philosophischen Gesellschaft in Göttingen), kam, und dass Conrad in der Vorbereitung darauf zuvor ein halbes Jahr Obstbaukunde studiert hatte. Aufgrund dieser Gesprächsnotizen wissen wir auch über die damals kultivierten Obstsorten Bescheid: „Unter anderem pflanzte Conrad in Bergzabern die Sorten Weißer Rindercalvill, Orangenreinette und Ananasreinette.“

Zeitweilig reicht der finanzielle Ertrag der Obstplantage für den Lebensunterhalt nicht aus. Die Conrads müssen daher Zimmer in ihrem Haus vermieten. Anfang Mai 1925 wendet sich Hedwig Conrad-Martius an Fritz Kaufmann, der kurz zuvor bei Husserl in Freiburg promoviert hatte:

“Wir sind wegen erheblicher pekunärer Schwierigkeiten gezwungen, in unser Haus 1-2 Pensionäre aufzunehmen. Und haben schon dementsprechende Anschläge an die schwarzen Bretter einiger Universitäten machen lassen. Weil wir dachten, dass das sehr schöne ruhige Zimmer mit prächtiger Aussicht und der großen Veranda und überhaupt die ganze Situation für einen Dozenten oder Studenten, der längeren Erholungs- oder ruhigen Arbeitsaufenthalt wünscht, speziell geeignet wäre. <…> An Pension müssten wir etwa 150 Mark monatlich bekommen, damit einigermaßen der uns notwendige pekunäre Zuschuss dabei herauskommt. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass unser Haus ganz im Grünen liegt, umgeben von unserer kleinen Obstplantage mit dahinter ansteigenden Weinbergen und Wald. Im Wald ist man in 5 Minuten.”

Die „wirkliche Wirklichkeit“ – um einen von Conrad-Martius verwendeten Ausdruck aufzugreifen –, also finanzielle Schieflagen, gesundheitliche Probleme sowie die zeitraubende und körperlich fordernde Arbeit auf der Obstplantage, ließ kontinuierliche philosophische Arbeit oft nicht zu. Das wird neben dem eingangs zitierten Briefragment auch aus einer Reihe anderer Briefe deutlich. So schreibt Alexander Pfänder im Juni 1922 an Husserl, dass sich “Frau Conrad-Martius durch geistige Erschöpfung und Dringlichkeit der Plantagen-Arbeit genötigt <sieht>, die Druckfertigmachung ihres Beitrags zu unterbrechen und den Rest für den nächsten Jahrbuch-Band zu verschieben.”

Auch Edith Stein weiß, dass sie fürs Briefeschreiben – wie sie im Sommer 1922 Roman Ingarden berichtet – die Zugfahrt in die Pfalz nutzen muss, denn „in Bergzabern wartet die Ernte, und da gibt es dann nicht viel Muße zum Schreiben“. Husserl kannte die Lebenssituation der Conrads offenbar recht gut. Als er Anfang 1923 einen Stipendiumsantrag für Hedwig Conrad-Martius unterstützt, empfiehlt er ihr, diesen damit zu begründen, dass sie ihre Schriften nicht fertigstellen kann, „da Sie für den Zweck der Selbsterhaltung Plant<agen>arbeit leisten mussten etc.“ Auch später (so im Jahr 1930 im Rahmen einer Bewerbung um ein Forschungsstipendium bei der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft) setzt sich Husserl mit ganz ähnlichen Argumenten und Hinweisen auf die schwierige Lebenssituation für Conrad-Martius ein:

“Es wäre dringend zu wünschen, dass einer so ungewöhnlich begabten und so eigenartigen philos<ophischen> Persönlichkeit endlich ein freier Lebensraum geschaffen und ihr damit ermöglicht würde, ihre Zeit und Kraft der philos<ophischen> Forschung zu widmen.”

Trotz aller Anteilnahme am Lebensweg von Conrad-Martius tritt Husserls Skepsis bezüglich ihres „Philosophierens“ im Laufe der Jahre immer deutlicher hervor. Während er 1919 noch ganz unverfänglich in einem Brief an die Conrads der „guten alten Göttinger Zeit u. der herrlichen Pläne, die wir gemeinsam entworfen“ gedenkt und seine „lieben Freunde“ an „das wundervolle Abschiedsfest für ‚Fräulein Martius‘“ erinnert, schreibt er 1921 seinem Schüler Winthrop Bell über die gerade erschienenen „Metaphysischen Gespräche“:

“Haben Sie die reizvollen Gespräche d<er> Frau Martius gelesen? Ich that es mit Kopfschütteln. Von ‘Phil<osophie> als strenge Wissenschaft’ will man dort nichts wissen. Sinnig-seelenvolle Romantik. Baader der führende Philosoph (Zeitgenosse Schellings).”

Und als Husserl im Jahr 1932 an Conrad-Martius schreibt, da wendet er sich zumindest in philosophischer Hinsicht sogleich von ihr ab:

„Mitgehen kann ich auf Ihren metaph<ysischen> Wegen nicht. Ihr Philosophieren ist von dem was ich Phän<omenologie> nenne, durch Abgründe geschieden. Ich erwarte nicht mehr, daß Sie noch Zeit u. innere Freiheit finden werden ein, freilich sehr mühevolles, langdauerndes Studium meiner größeren Arbeiten (von den ‚Ideen‘ ab gerechnet) durchzuführen u. daß Sie also noch dahin kommen werden zu wissen, was ich Phän<omenologie> nenne – das wäre natürlich die Voraussetz<un>g jeder Zustimmung oder Ablehnung. Immerhin interessiere ich mich sehr für Ihren Werdensgang u. den eigenen Stil, den Sie philos<ophisch> ausbilden.“

Ist es nicht verlockend, den „eigenen“, den „eigenartigen“ philosophischen Stil, die „frappante Originalität“ von Conrad-Martius, die Husserl verschiedentlich anspricht – was ihn ja irgendwie anzuziehen schien –, in einen Zusammenhang mit ihrem Lebensstil zu setzen: ein Leben „in ländlicher Abgeschiedenheit fern allem akademischen Betrieb“, wie es 1934 in einem Zeitungsartikel beschrieben wird. Steht die tätige Kultivierung der Pflanzenwelt (zum Broterwerb) in einem befruchtenden Verhältnis zur philosophischen Reflexion, wie man doch angesichts des Titels ihrer Vortragsreihe aus dem Jahr 1934 über „Die ‚Seele‘ der Pflanze“ zumindest mutmaßen darf?

Aber halt! Gab es da nicht noch einen anderen Phänomenologen, den es in die Landwirtschaft verschlagen hatte und für dessen Lebenssituation – anders als bei Conrad-Martius – Husserl die schönsten, weil ermutigenden Worte fand? Johannes Daubert betätigte sich ab 1919 als Landwirt zuerst auf einem Gut in der Nähe von Maisach, bis zum Lebensende dann im Hopfenanbaugebiet in der Holledau bei München. In seinem als „Truthahnbrief“ bekannt gewordenen Schreiben an Daubert aus der Weihnachtszeit 1923 – Husserl bedankt sich für die Übersendung eines gewichtigen Truthahnes – beklagt er, dass dieser ihm nicht auf seinem philosophischen Weg der letzten Jahre zur Seite gestanden hätte. Am Schluss des Briefes zollt er ihm jedoch wiederum höchsten Respekt für seine Lebensentscheidung: „Für mich sind Sie semper idem, durch und durch Philosoph (‚wesensmäßig‘), und wenn Sie sich als Landwirt wohl fühlen, so ist es zweifellos recht, weil es philosophisch echt ist. Philosophie ist auch Leben u. nicht bloß ein professorales Dozieren.“

(zusammengesammelt von T. Vongehr)

 

 

 

14.II.1916 “Die Franzosen haben von unseren Absichten keine Ahnung”

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Wolfgang Husserl an Elli Husserl, 14. II. 1916

 

Liebe Elli!                                                                                                                                                                    „Zur schönen Aussicht“, den 14. 2. 16

Wir liegen hier nun schon einige Tage, entwickeln Schlachtenpläne und warten sehnsüchtig auf besseres Wetter, damit die Artillerie sich endlich einschießen kann. Das Schneewetter hat sich in Dreck und Regenwetter verwandelt. Wir exerzieren ein wenig, üben lautlos ausschwärmen und andere für einen Sturmangriff nützliche Sachen. Wir haben schon die Skizze der feindlichen Stellung, die unsere Division nehmen soll, bekommen. Es ist ein festungsartig aufgebautes Dorf. Den Namen kann ich später schreiben. Die Franzosen haben von unseren Absichten keine Ahnung. In Saarbrücken erzählte ich, auf welche Art uns ständig Nachrichten über die Verhältnisse beim Gegner zugehen. Sie beurlauben weiter. Ein Überläufer, oder vielmehr ein Verräter, der unsere Stellung für die seinige gehalten hatte, machte in demselben Sinne Aussagen. Die Ablösung unserer Division ging ganz lautlos vonstatten. Die beiden Regimenter sind jetzt in Ortschaften 10-15 km hinter der Front versammelt. Das System des Angriffs ist in einem ausnahmsweise vernünftigen Divisionsbefehl uns schon bekannt. Wir sind jetzt damit beschäftigt, die Ausrüstung kriegsmäßig und zweckentsprechend zu gestalten. Die Helmspitze wird abgeschraubt. Das Sturmgepäck: Mantel und Zeltbahn werden herzförmig um das Kochgeschirr gelegt und am Brotbeutelband rucksackartig getragen. Dass ich alle diese Sachen besitze, ist sehr wertvoll. Leider fehlt mir ein Revolver und eine Kartentasche. Am Koppel trage ich Fernglas, Brotbeutel, Feldflasche, Gasmaske, Seitengewehr und Dolch. Die Schuppenkette am Helm habe ich mit grünem Tuch umwickeln lassen. Die Sache ist glänzend organisiert. Wenn es nur erst mal losginge! Das Warten ist so schrecklich. Hauptmann Henkel führt das Bataillon und ruft die Kompanieführer jeden Augenblick zu einer Besprechung zu sich, was diesen gar nicht gefällt. Major von Langsdorff ist bis zum 24. des Monats beurlaubt. Leider wird die 15. Kompanie wieder einem anderen Bataillon verpumpt, wahrscheinlich dem II. Wir bringen die viele freie Zeit damit hin, die Post der Mannschaft zu lesen und zensieren, Karten zu spielen und zu lesen. Ich las eine Novelle von Wilbrandt, von Kleist Novellen und einiges andere. Jetzt ist mir die Lektüre ausgegangen. Ich bekomme von zu Hause ja noch weder leibliche noch geistige Nahrung, nicht einmal mein Rasierzeug wird mir geschickt. Die Verpflegung wird sehr knapp werden und sich wahrscheinlich nur auf mitgeführte eiserne Portionen beschränken.

Dein Brief vom 11.2. freute mich sehr, zumal ich daraus erfuhr, dass Du jetzt mehr Ruhe hast. Ich lese jetzt viel in der Zeitschrift „Deutsche Politik“ von Rohrbach. Deinen Artikel in der Göttinger Zeitung überflog ich, nicht ahnend, sein Verfasser seist Du. Einen schönen Gruß an Nina. Was macht sie jetzt? Auch Grüße an Herrn Carathéodory, dessen Thukydides noch bei mir ist. Mamas Brief vom 8. 2. auch erhalten. Viele Grüße an Gerhart. Gott sei Dank, dass es ihm gut geht. Die Zeit in Freiburg verspricht ja alles Gute, liegt aber leider für mich in weitester Ferne.

W.

 

10.II.1916 “Schicke mir bitte Heilmittel”

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Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 10. II. 1916

 

Liebe Eltern!                                                                                                                                                               10.2.16

Es kommt mir so vor, als wären wir vor ein paar Tagen ins Feld gekommen und ständen in Erwartung der ersten Kriegserlebnisse und Eindrücke. Der Wust und das Papier des Stellungskrieges scheint in einer Versenkung verschwunden zu sein. Die Befehle werden kurz und deutlich. Wir liegen mit dem Regimentsstab und einem Teile einer anderen Kompanie in einer ferme, die an der großen Heeresstraße liegt. Die Stimmung und das Milieu sieht fast nach Bewegungskrieg aus. Die bis auf den Boden mit Leuten vollgestopften Gebäulichkeiten, die Feldküchen und Packwagen, die im Hofe stehen, die unzähligen Kolonnen, die einherrasseln, die dürftige Unterbringung, das Essen aus der Feldküche und Kochgeschirrdeckeln, das Frieren bei Nacht, erinnert mich an die erste Woche im schönen Belgien. Tornister und Koppel, Feldflasche und Brotbeutel, spielt wieder eine Rolle. Doch die Reste des eingelebten Stellungskrieges machen sich auch bemerkbar, als da sind Strohsäcke, elektrisches Licht, Tischtücher, Geschirr, Pantoffeln und Bettbezüge. Über uns singen und tanzen die Leute und sind trotz ihrer kümmerlichen Unterbringung vergnügt. Nun will ich aber statt Stimmung zu malen, Tatsachen berichten. Gestern schneite es tüchtig. Am Nachmittag holte ich mir, als ich einem Herrn des neuen Regiments wichtige Arbeiten übergab, im Dienste vom I. Bataillon das letzte Mal nasse Füße auf dem Riegel. Gegen Abend fror es tüchtig. Wir hatten bei sternenklarer Nacht einen herrlichen Marsch. Ich werde die Ausreise niemals vergessen, es war so, als wenn ein Regiment eine Garnison verlässt und ins Feld rückt. Wir drei Zugführer trugen den gepackten Affen, um uns wieder dran zu gewöhnen. Nach 3 Stunden trafen wir, von den Quartiermachern empfangen, hier ein. Im Allgemeinen sollen die Leute Ruhe haben und ihre Sachen in Stand setzen. Wir haben täglich nur 50 Mann in zwei Schichten zur Arbeit bei der Artillerie zu stellen. Das erste Mal musste ein Offizier die Leute führen. Ich war dazu bestimmt. Um 6 Uhr morgens marschierte ich ab. Da mir die Gegend hier nicht bekannt ist, war es für mich gleich eine kleine Übung, mich nach der Karte im Gelände zurechtzufinden. Nach 2 Stunden Wegs durch schöne Gegend, die in herrlichem Winterwetter prangte, kam ich an meinem Bestimmungsort an. Es ist eine bewaldete Höhe, die vorzügliche Sicht ins feindliche Gelände bietet. Ein Beobachtungsstand neben dem andern ist dort. Alle sind sehr robust mit Beton gebaut und gefielen mir sehr gut. Wir hatten einen Laufgraben zum Gefechtsstand des „Artilleriekommandeur rechts“ anzulegen. Um 2 Uhr war ich wieder daheim. Oberleutnant Alt, der immer sehr nett zu mir ist, meist ironisch und humorvoll (er kann einen furchtbar veräppeln), schenkte mir gleich einen Schnaps ein, reichte mir eine Zigarre und ein Stück Kuchen, das er mir aufgehoben hatte. Wir sollen uns stets marschbereit halten. Schicke mir bitte Heilmittel.

W.

P.S.: Bitte von dem, was Ihr vielleicht meinen Briefen entnehmen zu können glaubt, zu niemand zu sprechen. Wie ich korrekt sein wollte, so schrieb ich Euch nur noch Postkarten: „Mir geht es gut“, „Alles beim Alten“. Diskretion Ehrensache!

Ich lese viel Schiller und Goethe und daneben einen antiken Klassiker. Ich freue mich, den innigen Zusammenhang zwischen den beiden zu sehen. Ich suche das Altertum so zu erblicken, wie es Schiller und Goethe sahen, das verklärt ist durch die Erhebung und den edlen Genuss, den es den Jahrhunderten gegeben hat.

„Der Konflikt“ (Fritz Kaufmann) – S. 17-28.

[S. 17] Dennoch ist gemeint, dass auch in der Zeit der Reife keine Ruhe der geistigen Entfaltung eingetreten ist, dass der Geist, vielleicht keiner überraschenden Wandlungen durch Auftreten ganz neuer ungeahnter Qualitäten mehr fähig, immer doch in leiseren Schwingungen lebt und seine geschichtliche Oberfläche in unaufhörlichen Erschütterungen umgestaltet. Der Grund liegt in der epischen, nicht lyrischen Wesenheit der Geschichte.

Haben wir bisher die Entfaltung als das eigentliche Lebensprinzip der geistigen Person aufgefunden, so nähern wir uns dem Thema unserer Arbeit, indem wir die Bedingnisse betrachten, unter denen diese Entfaltung vor sich geht: denn schon dem ersten Blick erscheint der Konflikt wie ein Strudel, der den glatten Fluss personaler Entfaltung unterbricht. Diese Stauung wird durch die Bedingungen erklärt werden, denen die Entfaltung unterliegt.

Um einen Vergleich, freilich nicht ungefährlicher Art zu wählen: das Sternbild des Geistes wächst nicht bloß aus reiner Wirksamkeit immanenter Kräfte zusammen, wie ein Kristall, sein Werden hat auch etwas von dem kaleidoskopischer Sterne, die durch Schüttelung von außen erzeugt werden. Es ist der geschichtlichen Person wesentlich, sich in eine Umwelt von Personen, Wertverhältnissen, Wertdingen, Gütern eingegliedert zu finden. Denn nur in den Stellungnahmen, die deren Wertsinn gestattet, offenbart sich unsere Persönlichkeit und [S. 18]deren Tiefenordnung durch die Richtung unseres Wertsuchens und durch die Werte, zu denen wir Zugang gewinnen. Die durch unsere geistige Eigenart auferlegte Auswahl, die Zugelassenheit nur zu einem Teil der Weltwerte, lässt uns eine Seite der Wertewelt offenbar werden, die als Umwelt nie den phänomenalen Bezug auf die Wertstruktur unserer Person verleugnet. In der Höhe der mir zugänglichen Werte bezeugt sich meine eigene Werttiefe in der Rangordnung der Werte für mich, die Eigenart meiner persönlichen Wertestruktur.[1] Dieser so sinnvoll prästabilierte Bezug ist freilich keine prästabilierte Harmonie: begründet doch die freudige Empfänglichkeit für bejahte Werte zugleich die schmerzvolle für verneinte Gegenwerte: je nach der Wertart der absoluten Welt stimme ich so und so geartete Person mit meiner Umwelt überein oder leide an ihrem Gegenwesen, das bis zur Verkümmerung meines eigenen Wesens führen kann. Der Widerstand, den somit die Welt der Wertwirklichkeit durch Fremdheit oder Heterogenität meiner Wertentfaltung entgegensetzt, kann nur in zweifacher Weise überwunden werden: die Fremdheit durch den recht eigentlich heiligen Willen, dieser Welt hingebungsvoll gerecht zu werden, ein Willen, der ehrfürchtigen Sinn aus träger Ruhe bis zu den Grenzen der Wertempfänglichkeit führt: aus neuen Entdeckungen in der Wertewelt leuchten neue Werte des Entdeckers auf. Diesem Prozess der Selbstentfaltung durch Aufspürung neuer Wertkomponenten des Seins [S. 19]– begrenzt immer durch die Endlichkeit der Wertanlagen – steht die Überwindung der Heterogenität durch schaffende Gestaltung oder Umgestaltung von Leben und Welt gegenüber[2]: Die Welt steht in nebelhafter Finsternis da, aber der Erkenntnisdrang geistiger Personen erweist sich in gliedernder Durchleuchtung; das Leben rinnt in trägem Flusse dahin: aber der Impuls der Leidenschaft peitscht ihn zu kräftiger Bewegtheit auf. Die Welt ist voller Hass: aber Liebesfülle, überfließend in Akten der Liebe ruft Gegenliebe wach und leitet in eine Gemeinschaft der Liebenden ein: denn vernünftigerweise offenbart sich mir in einem Liebesakte die Liebesfülle eines – darum – Liebenswürdigen. Auf derlei Weise kommt die eigentümliche Wertigkeit einer Person, den Widerstand der trägen Welt besiegend, im immanenten Lebenszusammenhang oder im transzendenten von Welt, Gesellschaft, Gemeinschaft zu durch den Sinn der fraglichen Werte gefordertem Ausdruck. Das geistige Wesen bestimmt sich in seinem Werke – und sei es sein Leben[3] – die Begrenzungen und Ausweitungen seines Seins. Indem personale Wirksamkeit, eigene wie fremde, die Realisierung von Anlagen aus vorangelegter Möglichkeiten-Fülle erst gewährt, werden Wertstützen geschaffen, Wertwiderstände beseitigt. Das Werk hat also eine dreieinige Funktion: In ihm wirkt sich die Person aus, es bestimmt ihre apparente Eigenart, es wirkt [S. 20]auf neue Entfaltung ermöglichend ein.[4] Wir weisen noch kurz auf das schon oben Angedeutete hin: dass auch fremde Personen, vergangene, gegenwärtige, zukünftige, meine Auswirkung zu bestimmen vermögen: 1.) durch ihr Wirken auf die Objektwelt, indem sie meines durch Schaffung von Widerständen begrenzen, durch Beseitigung von Widerständen ausweiten (mit oder ohne Rücksicht auf mich), oder 2.) durch ihren Einfluss auf mich, sei es durch ihre Lehre – als Erzieher im weitesten Sinne –, sei es durch die Beispielskraft ihres Wesens, als Vorbild oder Gegenbild. Der Zeitpunkt, in dem solche Einflüsse fruchtbar werden, ist der gereifter Zugänglichkeit für die hier verkörperten Werte. Eine Betrachtung der Faktoren nationaler Entwicklung wird hier auf die Begriffe Renaissance und Rezeption geleitet. Wir müssen uns, wie auch im Folgenden, auf begriffliches Streifen beschränken. Zusammengefasst: die unendlichen möglichen Eindrücke buntesten Lebenszusammenhanges zwingen dem um ihre vernünftige Beherrschung bemühten Geiste ein Heraustreten aus jedem seiner endlichen Zustände auf: zum Sichgestalten nach dem Sinn der Welt, zum Weltgestalten nach dem Sinn seiner sich so entschleiernden Persönlichkeit.

Eine vollständige Darstellung des Wesens einer Person müsste außer diesem ihrem Aufbau aus Werten, die ihren geistigen Charakter ausmachen und die [S. 21]bestimmen, der Eingang in welche Wertverhältnisse der Person möglich ist, noch eine Beschreibung des geistigen Temperaments im weiteren Sinne liefern. Hier müsste das mehr formale Wesen des Temperaments zur Erörterung kommen, gezeigt werden, wie durch Spannkraft, Regsamkeit, Elastizität, Schwungkraft, Enge, Starrheit, Trägheit, Schwerflüssigkeit, Pedanterie des Geistes 1.) das Ausmaß und die Strenge der Bindung in einem Momente apparenter Werte, 2.) die Größe und Wucht des Lebensrhythmus mitbestimmt werden. Es müssten ferner jene materialen Temperamentseigenschaften vorgewiesen werden, die sich darin bekunden, in welch qualitativ bestimmter Weise die Person Werte aufnimmt, und bindet. Diese Eigenart ist ihren Ausdrücken und Handlungen, der Gesamtheit ihrer geistigen Haltung aufgeprägt. Hier offenbaren sich jene Temperamentsqualitäten wie Leidenschaftlichkeit, Klarheit, Zartheit, die Aufgeschlossenheit und Verschlossenheit, die Heiterkeit, Geduldigkeit, Freundlichkeit, Frische, Gesetztheit, Ausgeglichenheit, alles was in Elementen oder Komplexen ein Wesen mit Lichtheit und Düsternis verschiedener Grade erfüllt und überstrahlt. Denn wie die Persönlichkeit sich in die Welt entfaltet, schafft sie um sich eine Zone eigentümlich verwobenen Dunkels und Glanzes, von dessen Erborgtheit die Gegenstände Schimmer und Beschattung zu bekommen scheinen. Wichtiger als diese einseitige Ausgießung ist die Beziehung, in die die Person durch ihr Temperament mit der Welt tritt. Sie ist einigermaßen der durch sein charakterliches [S. 22]Wertwesen gestifteten analog. Die der Person gegebene Welt ist selbst von eigentümlichen Lichtern und Schatten mannigfacher Helligkeit überlagert, Qualitäten derselben Art wie die, die das Temperament einer Person ausmachen. Und ähnlich wie in den Idealen einer Charakterperson, z.B. in ihren Göttern, Vorbildliches und Gegenbildliches, Steigerungen, Ergänzungen, Kontraste ihres Wesens sich mischen, so sucht die Person als Wesen spezifischen Temperaments sonnige Stellen, weil sie selbst sonnig ist oder gerade weil sie der Sonne bedarf, Dunkel, in das sie sich schmiegen kann, weil sie selbst dunkel ist oder ihre leichte Helle den ergänzenden Ernst des Dunkels verlangt, sammelt um sich Dinge und Personen homogenen oder ergänzenden Lichtcharakters zu einer ihr gemäßen Umgebung. Es ist leicht einzusehen, einen wie wichtigen Einschlag diese Temperamentseigenschaften und ihre Verwebung für die Individualität liefern. Da die Beschreibung des Wesens einer Person hier nicht Selbstzweck ist, können und müssen uns diese Andeutungen als Vorbereitung der eigentlich thematischen Erörterung genügen. Sie werden in dieser selbst, vor allem in der Beschreibung der Konfliktkonstellation, noch einige Bereicherung erfahren. Doch ist es nicht möglich, diesen Überblick über das Wesen der geistigen Person und ihre Entfaltung in der geschichtlichen Zeit und Welt zu beschließen, ohne den notwendigen Fehler der Abstraktion einzusehen, den wir durch die Beschränkung auf die – wenn auch endliche – Geistigkeit der Person begangen haben. Die Konstruktion [S. 23]einer Geschichte reiner Personen ist ja vielleicht nicht widersinnig: Wir aber wollen nicht einem Hirngespinst folgen, sondern für das Faktum der geschichtlichen Wirklichkeit etwas gewinnen. Und in der sehen wir nicht reine Personen agieren, sondern Menschen, leiblich – allzu leibliche arme Erdenwesen, die ihr winziges Sein mit Waffen ihrer Hände und ihres dienenden Geistes gegen die Wucht drängender Außenwelt verteidigen. Aus der Aktivität geistiger Entfaltung scheint die Reaktivität der Notwehr zu werden. Freilich erschöpft sich die menschliche Geschichte keineswegs in diesen Niederungen der Not, sie entwächst ihnen mehr und mehr, und in diesem Sinne ist ganz gewiss die Geschichte eine Geschichte der Freiwerdung. Dennoch hat die Keimung alles Geschichtlichen im Leibe, auch noch, wo sich das Geschichtliche zu reinster Funktionalität abgelöst hat, bei Gesamtpersonen wie beim Staate, eine stille, doch machtvolle Wirksamkeit. – Es müsste also eine vollkommene Umwandlung der vorigen Grundlagen geschaffen werden, wenn es uns auf eine adäquate Gesamtkonzeption der geschichtlichen Persönlichkeit ankäme. Unserem beschränkten Zwecke, das Wesen des Konflikts aus dem Wesen der geschichtlichen Person und dem Flusse ihrer Entfaltung zu begreifen, genügen jedoch einige Einfügungen und Umbildungen in den bisherigen Entwurf. Ihr mehr negativer Charakter scheint die Fundierung auf Leib als dem Geiste bloß abträglich hinzustellen. Aber dies liegt nur im Wesen der besonderen Fragestellung begründet. Fernab von Leibfeindschaft erkennen wir vielmehr [S. 24]des Leibes wertvolle Mittlerschaft bei fast allen positiven Werken des Geistes an.

Wir haben die Entfaltung der geschichtlichen Person aus sich oder in Wechselwirkung mit der Umwelt bisher fast nur nach Vernunftgesetzen des Wertgewichtes – sei es des absoluten Sinngewichtes, sei es des individuellen Vorzugsgewichtes – zu verstehen gesucht. Wir haben in der Endlichkeit des Geistes die Gründe dafür gefunden, dass diese Entfaltung niemals eine reine Darstellung der Vernunftgesetzlichkeit sein konnte. Indem wir als Träger der Geschichte der Menschen, ein – auch – psycho-physisches Individuum einsetzen, oder solche Gesamtpersonen, die ihren Bezug auf Menschen, ihrer Herkunft von Menschen nicht verleugnen können,[5] wird die vernunftgesetzliche Entfaltung personalen Wertwesens als durch außervernünftige Imponderabilien mitbestimmt gedacht.

1.) Hohe Werte müssen in große, vielen überhaupt fehlende Tiefen dringen, um zur Empfängnis im Gefühl zu kommen, niedere Werte sind leicht zugänglich,[6] [S. 25]jedermann bemerkbar, ja von einer gewissen Aufdringlichkeit, die von der Beachtung höherer Werte überhaupt ablenkt, die geistige, also durch persönliche Werte bestimmbare Person in die Botmäßigkeit niederer Werte treibt. Die Bemerkbarkeit nimmt zu mit der Leibgebundenheit. Wir verstehen, wie das kommt. In knapper Bildlichkeit gesagt (eine Analyse würde zu weit führen): Die Organe des Leibes, jede Pore, ist ein Tor der Sinne. Nur was über die Schwelle der Sinne schreitet, ist dem Geiste bemerklich (ist doch auch jeder unsinnliche Akt des Fühlens usw. auf sinnliche vermittelnde Gebung fundiert[7]). Die höchste Stufe der Bemerklichkeit haben naturgemäß jene sinnlichen Werte des sinnlich Angenehmen und Unangenehmen, die durch Reize vermittelt werden, die direkt die Tore der Sinne einnehmen: so zwingt der Geschmack des Apfels als Reiz auf der Zunge verspürt, sein Fühlen als angenehm auf, der Schmerz, der an meinem Körper reißt, drängt sich meiner Beachtung als Unangenehmheit auf: diese Reize okkupieren mich, weil ich mich ihrem aufgedrängtem Wert oder Unwert nicht entziehen kann, hindern den Zugang anderer Eindrücke oder lassen ihnen nur ein unbeachtetes Nebendasein, das ein Leben in den durch sie vermittelten Werten nicht gestattet. Und so fort auf den höheren Stufen abnehmender Leibgebundenheit: [S. 26]denn je höher wir in der Reihe der Werte steigen, umso mehr kommen sie erst diesseits der Sinne zur Gegebenheit, lassen also allen jenen Werten den Vortritt an Bemerklichkeit, deren Träger sich eher durch sinnliche Data bestimmen. Der innigeren Kraft, die die höheren Werte vernünftigerweise auf ein geistiges Wesen, das in seiner Innerlichkeit ruht, ausüben, steht die lautere Merklichkeit gegenüber, durch die sich die peripheren Werte natürlicherweise eines Wesens bemächtigen, das als naturgebundenes Wesen nach außen gewandt ist, von wo ihm Gefahr der Überwältigung droht.

2.) Unter sonst gleichen Umständen begünstigt die leibhafte Gegebenheit von Wertrealitäten die Eindringlichkeit ihrer Werte gegenüber der nur vorstellungsmäßigen Gegebenheit, und dasselbe gilt für die leibhafte Nähe gegenüber der leibhaften Ferne, der vorstellungsmäßigen Nähe gegenüber der vorstellungsmäßigen Ferne. Denn die Zonen der leibhaft nahen, der leibhaft fernen, der vorstellungsmäßig nahen und vorstellungsmäßig fernen Welt sind auch in dieser Reihenfolge Zonen „natürlich“ abnehmender Beachtung. Die erste bietet sich dem Geiste als Hauptblickfeld dar, die beiden ersten empfehlen sich der Beachtung eines psycho-physischen, örtlich gebundenen, Gesetzen der Körperbewegung gehorchenden Individuums durch ihre nur langsam verschiebbare Konstanz, die dritte ist immer noch leicht erreichbar, und erst die vierte entschwindet allmählich der praktisch möglichen Sicht, Einwirkung und Beachtlichkeit. Vor allem [S. 27]ist eben zu bedenken, dass diese räumlichen Zonen auch Zonen der Wirkungsnähe für ein leibliches Wesen darstellen, also auch das Indizium, das die Bemerklichkeitsstufen für die Möglichkeiten von Bedrohung, Hilfe, Nutzung bieten, die Beachtung verschieden affizieren muss. Der Wertcharakter vorwiegend beachteter Gegenstände hat unter sonst gleichen Umständen aber höhere Wahrscheinlichkeit Beachtung zu finden, das Subjekt in sich hineinzuziehen, als der Wertcharakter weniger beachtete Gegenstände; das Ganze gilt für die Dinge wie aufgrund der Fundierung von Geistigem in Seelischem, von Seelischem in Leiblichem von Personen, die ebenfalls konzentrische Kreise konstanter Art (hier findet das Du, Er, Dieser, Jener Erfüllung) um das psycho-physische Individuum bilden. So erklären sich zu einem Teile die besondere Liebe zur Umgebung, ja zum Vaterland, der Einfluss des „Milieus“ auf Werdegang und Entschlüsse des Menschen, die Gefahr der Überwältigung durch Mitleid mit den Personen der Umgebung, die Entlegenheit der Fernstenliebe und ähnliches mehr. Räumliche Nähe ist auch eine der Hauptbedingungen für das Gelingen geistiger Suggestion. Die enge Zusammenballung einer Menge lässt aus dem Gefühlsausdruck, den nahe Aufforderungen und Beispiele ausüben in jedem einzelnen Akte und Handlungen aufschießen, die sonst als ferne ohnmächtige Möglichkeiten über oder unter seinem durchschnittlichen Werteniveau stehen. Anblick und Klang von Waffen hebt eine entschlummerte geistige Verfassung, einen Atavismus von primitiver Großartigkeit aus [S. 28]versunkenen Tiefen.

Die Entfaltung geschichtlicher Personen richtet sich, wie wir aus diesen und ähnlichen Erwägungen sehen können, nicht allein nach dem absoluten Höher- und individuellen Vorzugsgewicht der Werte, ja nicht einmal allein nach dem phänomenalen: Vielmehr begreifen wir jetzt, wie Menschen das Bessere wissen und das Schlechtere tun können (freilich können sie dann nicht im adäquaten Erleben des Höherwertes befangen sein). Die Entfaltung geschieht ja in Akten, die durch mehr oder minder starke Gefühle getragen werden. In der Stärke der Gefühle verrät sich die personale Beteiligtheit. Diese aber variiert nicht nur nach absoluten Vernunftgesetzen in einer Kurve, die eine Funktion des Wertegewichtes ist, sondern auch in einer davon unabhängigen, ja vielfach entgegengerichteten der Wertebemerklichkeit. Hierin spricht sich nicht etwa Unvernunft oder Widervernunft aus, vielmehr erwächst dies aus Gesetzen wie dem herausgestellten: dass für leibliche Wesen größere Wirkungsnähe höhere Berechtigung motiviert; diese geistige Haltung findet also für Leibwesen vernünftige, freilich auch auf sie beschränkte Rechtfertigung. Und insofern der Mensch über die Tierwelt durch ein geistiges Prinzip seines Wesens erhoben ist, steht es ihm wohl an, in Arbeit an der Verinnerlichung seiner selbst und der Vergeistigung[8] seiner Umwelt die Gesetze leiblicher Notdurft zu überwinden.

[1] Der Sinnbezug von Person und Werteumwelt dokumentiert sich auch darin, dass diese sich bereichert oder verarmt, wie jene sich entfaltet oder verkommt.

[2] Nicht im Vernunft-, sondern im individuellen Wesen einer Person liegt dagegen jene mögliche Angleichung der Umwelt, die durch die ausschließliche innige Haftung des Blicks an Werthomogenem entsteht.

[3] Genius des Genusses.

[4] Woraus hervorgeht, dass ich einem geistigen Wesen, Wissenschaftler, Wirtschaftler oder Künstler, in seinem Wertwerke, nicht in seinem mehr oder minder gleichgültigen Lebenszusammenhange nahen muss, will ich sein Sein und Werden als Wissenschaftler, Künstler usw., nicht als Herr X kennenlernen.

[5] Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, wenn es auch für sie nicht ohne Belang wäre, die Struktur von Gesamt- und Einzelperson zu vergleichender Darstellung zu bringen. Die Erwachsung ihres geistigen Wesens aus Werten, ihr naher oder entfernter Bezug auf Leiblichkeit schafft eine Analogie, die gewiss nicht so streng wie die von großen und kleinen Lettern ist, aber doch eine vorsichtige gemeinsame Behandlung rechtfertigt.

 [6] Dies ist kein bloßer Zufall und Zusammenfall. Die Höhe der Werte bemisst sich nach dem Anteil, den sie an dem Wesen der Personalität gewonnen haben, die den letzten Endwert der Heiligkeit hat. In je tiefere Schichten ein Wert eindringt, umso mehr saugt er von diesem Wesen in sich ein, umso mehr davon bringt er zum Ausdruck, umso höher ist er. Am entgegengesetzten Pol wie das Heilige steht das sinnlich Angenehme, das an der bloßen Umhüllung des Geistes, dem Körper, haftet. Es ist hier nicht der Platz, diese natürlich schlecht bildliche Redensart phänomenologisch zu klären. Es muss genügen, wenn der hier vorliegende höchst wichtige Wesenszusammenhang spürbar geworden ist.

[7] Freilich gewinnt der reifende Mensch eine zunehmende Unabhängigkeit von diesen Wegen der Sinne. Angeregt durch die Erfahrung, entwickelt sich in ihm eine Fülle innerer Gesichte, eine reiche Innenwelt eigenen bewegten Lebens, vielfältiger Gestalten. In diese Welt sich zurückziehen, an ihr und in ihr zu denken, der Ablenkung äußerer Eindrücke durch Sammlung in Innerlichkeit zu begegnen, wird immer mehr zur Möglichkeit und zum Genuss.

[8] Hierauf beruht der Kulturwert der Technik.

9.II.1916 “Wir wissen ja gar nicht, was man mit uns vorhat”

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Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 9. II. 1916

 Aufschrift: Leutnant d. Res. H. R. I. R. 19.

Geheim! Niemand zeigen!

Liebe Eltern!                                                                                                                                     9. 2. 1916

Heute ist ein Tag von einschneidender Bedeutung für unser Regiment. Wir werden abgelöst. Den Ort, der nun über 1 Jahr der Stammsitz unserer Truppe war, verlassen wir. Der Verband zwischen meiner Kompanie und dem I. Bataillon ist gelöst. Ich bin also wieder Zugführer und leiste heute dem I. Bataillon die letzten Dienste, indem ich den neuen Herren die wichtigsten Arbeiten übergebe. Wir kommen nicht weit weg, hinter den rechten Abschnitt unserer Division in Divisionsreserve. Aus all den gewohnten, heimatlichen Verhältnissen rauszumüssen und von so viel persönlichen Beziehungen zu scheiden, ist hart. Dafür stehen wir aber vor einer ereignisreichen Zukunft. Das Einerlei des Stellungskrieges wird unterbrochen werden. So gern würde ich Euch ausführlicher berichten, ich darf es nicht. Das muss ich vorerst verschieben, da es streng verboten ist, von militärischen Dingen zu schreiben. Wundert Euch bitte nicht, wenn die Post unregelmäßiger kommt. Ich werde viel, aber meist kurz schreiben. Ich brauche jetzt wieder Esssachen, da die Verpflegung wohl unregelmäßiger werden wird. Schickt mir bitte mein Rasierzeug und eine gute Kartentasche.

Kisten und Koffer sind gepackt. In den Straßen herrscht ein mächtiges Leben und Treiben. Die neue Truppe kommt. Wagen werden aufgeladen und abgeladen. Die Spannung, die auf den Gemütern lastet, ist groß. Wir wissen ja gar nicht, was man mit uns vorhat.

Viele Grüße, Wolfgang

Den Inhalt dieses Briefes darf niemand erfahren!

5.II.1916 “Wir leben hier in Erwartung der Dinge, die kommen sollen”

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Wolfgang Husserl an M. Husserl, 5. II. 1916

 

Liebe Mama!                                                                                                                       Etain, den 5. 2. 1916

… Außerordentlich überrascht war ich, als ich von Gerhart eine Karte aus Aachen erhielt mit der Nachricht, er sei garnisionsdienstfähig geschrieben usw. Wenn ich in der Angelegenheit einen Rat geben soll, so bin ich der Ansicht, dass Gerhart unbedingt versuchen muss, zu einem Kursus zu kommen, da er nur dort die Gewähr hat, Offizier zu werden. Ist er dann Leutnant, so kann er immer noch versuchen, zu den 19. versetzt zu werden. … Herr von Gilsa würde ihn ganz hervorragend nett aufnehmen. Befördert würde er auch. Das ginge aber natürlich nicht von heute auf morgen. Wie gesagt, Gerhart würde höchst anständig behandelt werden, da man hier vor Leuten, die von einer brenzligen Stelle der Front, zumal Flandern, kommen, kolossalen Respekt hat. So ging es ja auch mir. Ich würde Gerhart aber raten, wenn ihm nicht Ernstliches fehlt, sich zu beeilen, wieder ins Feld zu kommen. Wir stehen vor dem entscheidendsten Abschnitt des Krieges. Leider darf ich Euch nichts von dem schreiben, was hier sich vorbereitet. Wir leben hier in Erwartung der Dinge, die kommen sollen. Für 7 Tage sind zum Regiment von einem Regiment, das hinten liegt, kommandiert pro Bataillon ein Offizier, pro Kompanie ein Unteroffizier, um unsere Stellung kennenzulernen. Den Offizier, der I/19 zugeteilt ist, habe ich mit den Dingen vertraut zu machen. Ich habe ihn hier sehr gut untergebracht und möglichst für ihn gesorgt, da er ein recht netter Mensch ist. Diente aktiv, als der Krieg ausbrach, in Straßburg und war zugleich an der Universität für Theologie immatrikuliert. … Er kommt daher, wo ich früher war mit seinem Regiment und Korps. –

Habe eben gebadet, was ein großer Genuss ist. Gestern Vormittag war herrliches klares Wetter. Ich war auf dem Riegel und betrachtete durchs Scherenfernrohr das feindliche Vorgelände, mit besonders sehnsüchtigem Blicke die „Côte“, die natürliche Festungsmauer Verduns. Ich beobachtete die Einschläge unserer 21 cm Mörser, die eine Batterie auf der sogenannten Pflaumenbaumhöhe ausgiebig mit Granaten belegte. Die Franzosen schießen öfters nach Etain. Überhaupt haben wir hie und da Verluste. Es ist eben Krieg. Bitte sofort eine Erkennungsmarke zu schicken!

Viele herzliche Grüße,

Wolfgang