„Der Konflikt“ (Fritz Kaufmann) – S. 17-28.

[S. 17] Dennoch ist gemeint, dass auch in der Zeit der Reife keine Ruhe der geistigen Entfaltung eingetreten ist, dass der Geist, vielleicht keiner überraschenden Wandlungen durch Auftreten ganz neuer ungeahnter Qualitäten mehr fähig, immer doch in leiseren Schwingungen lebt und seine geschichtliche Oberfläche in unaufhörlichen Erschütterungen umgestaltet. Der Grund liegt in der epischen, nicht lyrischen Wesenheit der Geschichte.

Haben wir bisher die Entfaltung als das eigentliche Lebensprinzip der geistigen Person aufgefunden, so nähern wir uns dem Thema unserer Arbeit, indem wir die Bedingnisse betrachten, unter denen diese Entfaltung vor sich geht: denn schon dem ersten Blick erscheint der Konflikt wie ein Strudel, der den glatten Fluss personaler Entfaltung unterbricht. Diese Stauung wird durch die Bedingungen erklärt werden, denen die Entfaltung unterliegt.

Um einen Vergleich, freilich nicht ungefährlicher Art zu wählen: das Sternbild des Geistes wächst nicht bloß aus reiner Wirksamkeit immanenter Kräfte zusammen, wie ein Kristall, sein Werden hat auch etwas von dem kaleidoskopischer Sterne, die durch Schüttelung von außen erzeugt werden. Es ist der geschichtlichen Person wesentlich, sich in eine Umwelt von Personen, Wertverhältnissen, Wertdingen, Gütern eingegliedert zu finden. Denn nur in den Stellungnahmen, die deren Wertsinn gestattet, offenbart sich unsere Persönlichkeit und [S. 18]deren Tiefenordnung durch die Richtung unseres Wertsuchens und durch die Werte, zu denen wir Zugang gewinnen. Die durch unsere geistige Eigenart auferlegte Auswahl, die Zugelassenheit nur zu einem Teil der Weltwerte, lässt uns eine Seite der Wertewelt offenbar werden, die als Umwelt nie den phänomenalen Bezug auf die Wertstruktur unserer Person verleugnet. In der Höhe der mir zugänglichen Werte bezeugt sich meine eigene Werttiefe in der Rangordnung der Werte für mich, die Eigenart meiner persönlichen Wertestruktur.[1] Dieser so sinnvoll prästabilierte Bezug ist freilich keine prästabilierte Harmonie: begründet doch die freudige Empfänglichkeit für bejahte Werte zugleich die schmerzvolle für verneinte Gegenwerte: je nach der Wertart der absoluten Welt stimme ich so und so geartete Person mit meiner Umwelt überein oder leide an ihrem Gegenwesen, das bis zur Verkümmerung meines eigenen Wesens führen kann. Der Widerstand, den somit die Welt der Wertwirklichkeit durch Fremdheit oder Heterogenität meiner Wertentfaltung entgegensetzt, kann nur in zweifacher Weise überwunden werden: die Fremdheit durch den recht eigentlich heiligen Willen, dieser Welt hingebungsvoll gerecht zu werden, ein Willen, der ehrfürchtigen Sinn aus träger Ruhe bis zu den Grenzen der Wertempfänglichkeit führt: aus neuen Entdeckungen in der Wertewelt leuchten neue Werte des Entdeckers auf. Diesem Prozess der Selbstentfaltung durch Aufspürung neuer Wertkomponenten des Seins [S. 19]– begrenzt immer durch die Endlichkeit der Wertanlagen – steht die Überwindung der Heterogenität durch schaffende Gestaltung oder Umgestaltung von Leben und Welt gegenüber[2]: Die Welt steht in nebelhafter Finsternis da, aber der Erkenntnisdrang geistiger Personen erweist sich in gliedernder Durchleuchtung; das Leben rinnt in trägem Flusse dahin: aber der Impuls der Leidenschaft peitscht ihn zu kräftiger Bewegtheit auf. Die Welt ist voller Hass: aber Liebesfülle, überfließend in Akten der Liebe ruft Gegenliebe wach und leitet in eine Gemeinschaft der Liebenden ein: denn vernünftigerweise offenbart sich mir in einem Liebesakte die Liebesfülle eines – darum – Liebenswürdigen. Auf derlei Weise kommt die eigentümliche Wertigkeit einer Person, den Widerstand der trägen Welt besiegend, im immanenten Lebenszusammenhang oder im transzendenten von Welt, Gesellschaft, Gemeinschaft zu durch den Sinn der fraglichen Werte gefordertem Ausdruck. Das geistige Wesen bestimmt sich in seinem Werke – und sei es sein Leben[3] – die Begrenzungen und Ausweitungen seines Seins. Indem personale Wirksamkeit, eigene wie fremde, die Realisierung von Anlagen aus vorangelegter Möglichkeiten-Fülle erst gewährt, werden Wertstützen geschaffen, Wertwiderstände beseitigt. Das Werk hat also eine dreieinige Funktion: In ihm wirkt sich die Person aus, es bestimmt ihre apparente Eigenart, es wirkt [S. 20]auf neue Entfaltung ermöglichend ein.[4] Wir weisen noch kurz auf das schon oben Angedeutete hin: dass auch fremde Personen, vergangene, gegenwärtige, zukünftige, meine Auswirkung zu bestimmen vermögen: 1.) durch ihr Wirken auf die Objektwelt, indem sie meines durch Schaffung von Widerständen begrenzen, durch Beseitigung von Widerständen ausweiten (mit oder ohne Rücksicht auf mich), oder 2.) durch ihren Einfluss auf mich, sei es durch ihre Lehre – als Erzieher im weitesten Sinne –, sei es durch die Beispielskraft ihres Wesens, als Vorbild oder Gegenbild. Der Zeitpunkt, in dem solche Einflüsse fruchtbar werden, ist der gereifter Zugänglichkeit für die hier verkörperten Werte. Eine Betrachtung der Faktoren nationaler Entwicklung wird hier auf die Begriffe Renaissance und Rezeption geleitet. Wir müssen uns, wie auch im Folgenden, auf begriffliches Streifen beschränken. Zusammengefasst: die unendlichen möglichen Eindrücke buntesten Lebenszusammenhanges zwingen dem um ihre vernünftige Beherrschung bemühten Geiste ein Heraustreten aus jedem seiner endlichen Zustände auf: zum Sichgestalten nach dem Sinn der Welt, zum Weltgestalten nach dem Sinn seiner sich so entschleiernden Persönlichkeit.

Eine vollständige Darstellung des Wesens einer Person müsste außer diesem ihrem Aufbau aus Werten, die ihren geistigen Charakter ausmachen und die [S. 21]bestimmen, der Eingang in welche Wertverhältnisse der Person möglich ist, noch eine Beschreibung des geistigen Temperaments im weiteren Sinne liefern. Hier müsste das mehr formale Wesen des Temperaments zur Erörterung kommen, gezeigt werden, wie durch Spannkraft, Regsamkeit, Elastizität, Schwungkraft, Enge, Starrheit, Trägheit, Schwerflüssigkeit, Pedanterie des Geistes 1.) das Ausmaß und die Strenge der Bindung in einem Momente apparenter Werte, 2.) die Größe und Wucht des Lebensrhythmus mitbestimmt werden. Es müssten ferner jene materialen Temperamentseigenschaften vorgewiesen werden, die sich darin bekunden, in welch qualitativ bestimmter Weise die Person Werte aufnimmt, und bindet. Diese Eigenart ist ihren Ausdrücken und Handlungen, der Gesamtheit ihrer geistigen Haltung aufgeprägt. Hier offenbaren sich jene Temperamentsqualitäten wie Leidenschaftlichkeit, Klarheit, Zartheit, die Aufgeschlossenheit und Verschlossenheit, die Heiterkeit, Geduldigkeit, Freundlichkeit, Frische, Gesetztheit, Ausgeglichenheit, alles was in Elementen oder Komplexen ein Wesen mit Lichtheit und Düsternis verschiedener Grade erfüllt und überstrahlt. Denn wie die Persönlichkeit sich in die Welt entfaltet, schafft sie um sich eine Zone eigentümlich verwobenen Dunkels und Glanzes, von dessen Erborgtheit die Gegenstände Schimmer und Beschattung zu bekommen scheinen. Wichtiger als diese einseitige Ausgießung ist die Beziehung, in die die Person durch ihr Temperament mit der Welt tritt. Sie ist einigermaßen der durch sein charakterliches [S. 22]Wertwesen gestifteten analog. Die der Person gegebene Welt ist selbst von eigentümlichen Lichtern und Schatten mannigfacher Helligkeit überlagert, Qualitäten derselben Art wie die, die das Temperament einer Person ausmachen. Und ähnlich wie in den Idealen einer Charakterperson, z.B. in ihren Göttern, Vorbildliches und Gegenbildliches, Steigerungen, Ergänzungen, Kontraste ihres Wesens sich mischen, so sucht die Person als Wesen spezifischen Temperaments sonnige Stellen, weil sie selbst sonnig ist oder gerade weil sie der Sonne bedarf, Dunkel, in das sie sich schmiegen kann, weil sie selbst dunkel ist oder ihre leichte Helle den ergänzenden Ernst des Dunkels verlangt, sammelt um sich Dinge und Personen homogenen oder ergänzenden Lichtcharakters zu einer ihr gemäßen Umgebung. Es ist leicht einzusehen, einen wie wichtigen Einschlag diese Temperamentseigenschaften und ihre Verwebung für die Individualität liefern. Da die Beschreibung des Wesens einer Person hier nicht Selbstzweck ist, können und müssen uns diese Andeutungen als Vorbereitung der eigentlich thematischen Erörterung genügen. Sie werden in dieser selbst, vor allem in der Beschreibung der Konfliktkonstellation, noch einige Bereicherung erfahren. Doch ist es nicht möglich, diesen Überblick über das Wesen der geistigen Person und ihre Entfaltung in der geschichtlichen Zeit und Welt zu beschließen, ohne den notwendigen Fehler der Abstraktion einzusehen, den wir durch die Beschränkung auf die – wenn auch endliche – Geistigkeit der Person begangen haben. Die Konstruktion [S. 23]einer Geschichte reiner Personen ist ja vielleicht nicht widersinnig: Wir aber wollen nicht einem Hirngespinst folgen, sondern für das Faktum der geschichtlichen Wirklichkeit etwas gewinnen. Und in der sehen wir nicht reine Personen agieren, sondern Menschen, leiblich – allzu leibliche arme Erdenwesen, die ihr winziges Sein mit Waffen ihrer Hände und ihres dienenden Geistes gegen die Wucht drängender Außenwelt verteidigen. Aus der Aktivität geistiger Entfaltung scheint die Reaktivität der Notwehr zu werden. Freilich erschöpft sich die menschliche Geschichte keineswegs in diesen Niederungen der Not, sie entwächst ihnen mehr und mehr, und in diesem Sinne ist ganz gewiss die Geschichte eine Geschichte der Freiwerdung. Dennoch hat die Keimung alles Geschichtlichen im Leibe, auch noch, wo sich das Geschichtliche zu reinster Funktionalität abgelöst hat, bei Gesamtpersonen wie beim Staate, eine stille, doch machtvolle Wirksamkeit. – Es müsste also eine vollkommene Umwandlung der vorigen Grundlagen geschaffen werden, wenn es uns auf eine adäquate Gesamtkonzeption der geschichtlichen Persönlichkeit ankäme. Unserem beschränkten Zwecke, das Wesen des Konflikts aus dem Wesen der geschichtlichen Person und dem Flusse ihrer Entfaltung zu begreifen, genügen jedoch einige Einfügungen und Umbildungen in den bisherigen Entwurf. Ihr mehr negativer Charakter scheint die Fundierung auf Leib als dem Geiste bloß abträglich hinzustellen. Aber dies liegt nur im Wesen der besonderen Fragestellung begründet. Fernab von Leibfeindschaft erkennen wir vielmehr [S. 24]des Leibes wertvolle Mittlerschaft bei fast allen positiven Werken des Geistes an.

Wir haben die Entfaltung der geschichtlichen Person aus sich oder in Wechselwirkung mit der Umwelt bisher fast nur nach Vernunftgesetzen des Wertgewichtes – sei es des absoluten Sinngewichtes, sei es des individuellen Vorzugsgewichtes – zu verstehen gesucht. Wir haben in der Endlichkeit des Geistes die Gründe dafür gefunden, dass diese Entfaltung niemals eine reine Darstellung der Vernunftgesetzlichkeit sein konnte. Indem wir als Träger der Geschichte der Menschen, ein – auch – psycho-physisches Individuum einsetzen, oder solche Gesamtpersonen, die ihren Bezug auf Menschen, ihrer Herkunft von Menschen nicht verleugnen können,[5] wird die vernunftgesetzliche Entfaltung personalen Wertwesens als durch außervernünftige Imponderabilien mitbestimmt gedacht.

1.) Hohe Werte müssen in große, vielen überhaupt fehlende Tiefen dringen, um zur Empfängnis im Gefühl zu kommen, niedere Werte sind leicht zugänglich,[6] [S. 25]jedermann bemerkbar, ja von einer gewissen Aufdringlichkeit, die von der Beachtung höherer Werte überhaupt ablenkt, die geistige, also durch persönliche Werte bestimmbare Person in die Botmäßigkeit niederer Werte treibt. Die Bemerkbarkeit nimmt zu mit der Leibgebundenheit. Wir verstehen, wie das kommt. In knapper Bildlichkeit gesagt (eine Analyse würde zu weit führen): Die Organe des Leibes, jede Pore, ist ein Tor der Sinne. Nur was über die Schwelle der Sinne schreitet, ist dem Geiste bemerklich (ist doch auch jeder unsinnliche Akt des Fühlens usw. auf sinnliche vermittelnde Gebung fundiert[7]). Die höchste Stufe der Bemerklichkeit haben naturgemäß jene sinnlichen Werte des sinnlich Angenehmen und Unangenehmen, die durch Reize vermittelt werden, die direkt die Tore der Sinne einnehmen: so zwingt der Geschmack des Apfels als Reiz auf der Zunge verspürt, sein Fühlen als angenehm auf, der Schmerz, der an meinem Körper reißt, drängt sich meiner Beachtung als Unangenehmheit auf: diese Reize okkupieren mich, weil ich mich ihrem aufgedrängtem Wert oder Unwert nicht entziehen kann, hindern den Zugang anderer Eindrücke oder lassen ihnen nur ein unbeachtetes Nebendasein, das ein Leben in den durch sie vermittelten Werten nicht gestattet. Und so fort auf den höheren Stufen abnehmender Leibgebundenheit: [S. 26]denn je höher wir in der Reihe der Werte steigen, umso mehr kommen sie erst diesseits der Sinne zur Gegebenheit, lassen also allen jenen Werten den Vortritt an Bemerklichkeit, deren Träger sich eher durch sinnliche Data bestimmen. Der innigeren Kraft, die die höheren Werte vernünftigerweise auf ein geistiges Wesen, das in seiner Innerlichkeit ruht, ausüben, steht die lautere Merklichkeit gegenüber, durch die sich die peripheren Werte natürlicherweise eines Wesens bemächtigen, das als naturgebundenes Wesen nach außen gewandt ist, von wo ihm Gefahr der Überwältigung droht.

2.) Unter sonst gleichen Umständen begünstigt die leibhafte Gegebenheit von Wertrealitäten die Eindringlichkeit ihrer Werte gegenüber der nur vorstellungsmäßigen Gegebenheit, und dasselbe gilt für die leibhafte Nähe gegenüber der leibhaften Ferne, der vorstellungsmäßigen Nähe gegenüber der vorstellungsmäßigen Ferne. Denn die Zonen der leibhaft nahen, der leibhaft fernen, der vorstellungsmäßig nahen und vorstellungsmäßig fernen Welt sind auch in dieser Reihenfolge Zonen „natürlich“ abnehmender Beachtung. Die erste bietet sich dem Geiste als Hauptblickfeld dar, die beiden ersten empfehlen sich der Beachtung eines psycho-physischen, örtlich gebundenen, Gesetzen der Körperbewegung gehorchenden Individuums durch ihre nur langsam verschiebbare Konstanz, die dritte ist immer noch leicht erreichbar, und erst die vierte entschwindet allmählich der praktisch möglichen Sicht, Einwirkung und Beachtlichkeit. Vor allem [S. 27]ist eben zu bedenken, dass diese räumlichen Zonen auch Zonen der Wirkungsnähe für ein leibliches Wesen darstellen, also auch das Indizium, das die Bemerklichkeitsstufen für die Möglichkeiten von Bedrohung, Hilfe, Nutzung bieten, die Beachtung verschieden affizieren muss. Der Wertcharakter vorwiegend beachteter Gegenstände hat unter sonst gleichen Umständen aber höhere Wahrscheinlichkeit Beachtung zu finden, das Subjekt in sich hineinzuziehen, als der Wertcharakter weniger beachtete Gegenstände; das Ganze gilt für die Dinge wie aufgrund der Fundierung von Geistigem in Seelischem, von Seelischem in Leiblichem von Personen, die ebenfalls konzentrische Kreise konstanter Art (hier findet das Du, Er, Dieser, Jener Erfüllung) um das psycho-physische Individuum bilden. So erklären sich zu einem Teile die besondere Liebe zur Umgebung, ja zum Vaterland, der Einfluss des „Milieus“ auf Werdegang und Entschlüsse des Menschen, die Gefahr der Überwältigung durch Mitleid mit den Personen der Umgebung, die Entlegenheit der Fernstenliebe und ähnliches mehr. Räumliche Nähe ist auch eine der Hauptbedingungen für das Gelingen geistiger Suggestion. Die enge Zusammenballung einer Menge lässt aus dem Gefühlsausdruck, den nahe Aufforderungen und Beispiele ausüben in jedem einzelnen Akte und Handlungen aufschießen, die sonst als ferne ohnmächtige Möglichkeiten über oder unter seinem durchschnittlichen Werteniveau stehen. Anblick und Klang von Waffen hebt eine entschlummerte geistige Verfassung, einen Atavismus von primitiver Großartigkeit aus [S. 28]versunkenen Tiefen.

Die Entfaltung geschichtlicher Personen richtet sich, wie wir aus diesen und ähnlichen Erwägungen sehen können, nicht allein nach dem absoluten Höher- und individuellen Vorzugsgewicht der Werte, ja nicht einmal allein nach dem phänomenalen: Vielmehr begreifen wir jetzt, wie Menschen das Bessere wissen und das Schlechtere tun können (freilich können sie dann nicht im adäquaten Erleben des Höherwertes befangen sein). Die Entfaltung geschieht ja in Akten, die durch mehr oder minder starke Gefühle getragen werden. In der Stärke der Gefühle verrät sich die personale Beteiligtheit. Diese aber variiert nicht nur nach absoluten Vernunftgesetzen in einer Kurve, die eine Funktion des Wertegewichtes ist, sondern auch in einer davon unabhängigen, ja vielfach entgegengerichteten der Wertebemerklichkeit. Hierin spricht sich nicht etwa Unvernunft oder Widervernunft aus, vielmehr erwächst dies aus Gesetzen wie dem herausgestellten: dass für leibliche Wesen größere Wirkungsnähe höhere Berechtigung motiviert; diese geistige Haltung findet also für Leibwesen vernünftige, freilich auch auf sie beschränkte Rechtfertigung. Und insofern der Mensch über die Tierwelt durch ein geistiges Prinzip seines Wesens erhoben ist, steht es ihm wohl an, in Arbeit an der Verinnerlichung seiner selbst und der Vergeistigung[8] seiner Umwelt die Gesetze leiblicher Notdurft zu überwinden.

[1] Der Sinnbezug von Person und Werteumwelt dokumentiert sich auch darin, dass diese sich bereichert oder verarmt, wie jene sich entfaltet oder verkommt.

[2] Nicht im Vernunft-, sondern im individuellen Wesen einer Person liegt dagegen jene mögliche Angleichung der Umwelt, die durch die ausschließliche innige Haftung des Blicks an Werthomogenem entsteht.

[3] Genius des Genusses.

[4] Woraus hervorgeht, dass ich einem geistigen Wesen, Wissenschaftler, Wirtschaftler oder Künstler, in seinem Wertwerke, nicht in seinem mehr oder minder gleichgültigen Lebenszusammenhange nahen muss, will ich sein Sein und Werden als Wissenschaftler, Künstler usw., nicht als Herr X kennenlernen.

[5] Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, wenn es auch für sie nicht ohne Belang wäre, die Struktur von Gesamt- und Einzelperson zu vergleichender Darstellung zu bringen. Die Erwachsung ihres geistigen Wesens aus Werten, ihr naher oder entfernter Bezug auf Leiblichkeit schafft eine Analogie, die gewiss nicht so streng wie die von großen und kleinen Lettern ist, aber doch eine vorsichtige gemeinsame Behandlung rechtfertigt.

 [6] Dies ist kein bloßer Zufall und Zusammenfall. Die Höhe der Werte bemisst sich nach dem Anteil, den sie an dem Wesen der Personalität gewonnen haben, die den letzten Endwert der Heiligkeit hat. In je tiefere Schichten ein Wert eindringt, umso mehr saugt er von diesem Wesen in sich ein, umso mehr davon bringt er zum Ausdruck, umso höher ist er. Am entgegengesetzten Pol wie das Heilige steht das sinnlich Angenehme, das an der bloßen Umhüllung des Geistes, dem Körper, haftet. Es ist hier nicht der Platz, diese natürlich schlecht bildliche Redensart phänomenologisch zu klären. Es muss genügen, wenn der hier vorliegende höchst wichtige Wesenszusammenhang spürbar geworden ist.

[7] Freilich gewinnt der reifende Mensch eine zunehmende Unabhängigkeit von diesen Wegen der Sinne. Angeregt durch die Erfahrung, entwickelt sich in ihm eine Fülle innerer Gesichte, eine reiche Innenwelt eigenen bewegten Lebens, vielfältiger Gestalten. In diese Welt sich zurückziehen, an ihr und in ihr zu denken, der Ablenkung äußerer Eindrücke durch Sammlung in Innerlichkeit zu begegnen, wird immer mehr zur Möglichkeit und zum Genuss.

[8] Hierauf beruht der Kulturwert der Technik.

„Der Konflikt“ (Fritz Kaufmann) – S. 10-17.

Die Endlichkeit der geschichtlichen Person betrifft sowohl den Grad ihrer wirklichen wie den ihrer möglichen Entfaltung. Das erste bedeutet, dass in der Person ein Noumenon angelegt ist, das in der Wirklichkeit geschichtlicher Erscheinung immer nur zu endlicher, unvollkommener Darstellung gelangt. Solange eine Person hingegeben an Werte und Wertwirklichkeiten, die ihrem personalen Wertwesen entsprechen, in ein ihr zugängliches Reich der Werte tiefer eindringt, erwachen auch in ihr immer neue personale Werte zu geschichtliche Erscheinung. Darin besteht zum guten Teile das Wachstum des Menschen mit seinen höheren Zwecken, dass bisher unangerufene, darum unentdeckte personale Werte zu oft wundersamer Bewährung kommen; solche neuen Tiefen tun sich aber im Geiste auf, solange er strebt; in jedem Momente also ist die wirkliche geistige Entfaltung der Person unvollendet, endlich gegenüber dem Ideale der vollentfalteten Person. Erst der Quietismus des Geistes entzieht ihn der Geschichtlichkeit.[1]

Aber nicht nur dem Ideale der Person gegenüber, sondern auch dem Ideale der Vernunft gegenüber ist die geschichtliche Person beschränkt, auch ihre Entfaltungsmöglichkeiten sind endlich. Diese Endlichkeit geht zurück 1.) auf die Besonderung der in einer Person angelegten Werte, 2) auf das besondere Gewicht jedes dieser [S. 11]Werte für die Konstitution des personalen Wesens.

Die eigentümliche Wertheit jeder geschichtlichen Person ergibt sich aus der Vereinigung nur gewisser und gerade dieser Werte und Unwerte. In keiner endlichen Person sind sämtliche Werte angelegt. Wohl aber wird eine eigentümliche, aber vielleicht nicht notwendige Totalität für jede Person gewonnen durch Wertanlagen in jeder der die Personalität erfüllenden Wertrichtungen: die Vorhandenheit oder Nichtvorhandenheit und die Stellung der personalen Werte bestimmt dann, wie tief eine Person erfassend und gestaltend in ein Kulturgebiet einzudringen im Stande ist. Indem sie angesichts bestimmter animalischer, seelischer, geistiger Gegebenheiten und Erfordernisse in gemeinsame Erscheinung treten, gewinnen sie eine Bezogenheit aufeinander, die ihren Träger durch Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit zu einem eigenartigen Typus macht. So machen etwa Pietätsgefühl, dankbarer Sinn, Liebesbedürfnis die natürliche Sohnschaft zu einem phänomenalen Wertverhältnis, ihren Träger zum Typus eines guten Sohnes. Zum Typus gehört aber nicht nur die Vereintheit und der Zusammenschluss gewisser Werte, sondern auch die Auszeichnung einer Wertrichtung als Dominante schafft sinngemäß typische Konstellationen der Dienstbarkeit der übrigen Werte. Der vom Erwerbssinn beherrschte wirtschaftliche Mensch macht seinen Erkenntnisdrang der Voraussicht technischer Nutzungen untertan, seine Phantasie hat die betriebsame Erfinderischkeit Balzac‘scher Menschen, sein sozialer Trieb [S. 12]macht ihm die anderen um ihrer Ausbeutbarkeit willen schätzbar usw. Der Wissenschaftler spürt den sozialen Drang vor allem im Hang zur intellektuellen Gemeinschaft mit Vernunftwesen, sein Machtstreben – anhebend in kleinlich persönlichen Eitelkeiten wie dem Prioritätsstreit – gipfelt sich zum platonischen Herrschaftspostulat der Vernunft auf, das Philosophen auf Königsthrone hebt.

Die ganze Mannigfaltigkeit der Einigungen und Eingliederungen in Typen können wir hier nicht auseinanderlegen. Als heuristisches Prinzip dürfte sich wohl, wie ähnlich Spranger in seinem Entwurf über Lebensformen angenommen hat, die Herausdestillierung der Werte, so wie sie in die verschiedenen typischen Kulturgebilde als deren Werdekräfte eingeflossen sind, empfehlen; der Beitrag, den sie zu ihrem Aufbau lieferten, spiegelt die Stellung wieder, die Ihnen in der Struktur der aufbauenden Persönlichkeit vernünftigerweise zukommt.

Es braucht kaum gesagt zu werden, dass im allseitigen Lebensbezug kaum je Typen von so dämonischer, schicksalshafter Einseitigkeit auftauchen, wie hier skizziert. Schon dass wir im Schnittpunkt vieler Lebenskreise stehen, begünstigt unsere Entfaltung als Übergangserscheinungen zwischen Typen, die nicht mit ausschließender Entschiedenheit in uns angelegt sind; es sind dann vielmehr Werte verschiedener Typenbereiche von so ebenbürtiger Konstitutivität für unsere Person, dass sie immer und immer wieder je nach der Gunst der Umstände als Kronprätendenten auftreten können. Andererseits kann [S. 13]die Eigenart von Lebensaufgaben zur Gerechtwerdung eine einseitige Verlegung unseres geschichtlichen Schwerpunktes bedingen, eine Vereinseitigung zuungunsten vielleicht wertvoller Komponenten des personalen Wesens, die bis zur Untreue an ihm führen kann.[2] Das starke Gefühl für die so begründete Unheiligkeit des Handelns wendet Menschen vom Typ des Selbsterlösers dem Nihilismus zu.

Alle Typik ist also nur durch sinnhafte Verschwisterungen und Verfeindungen, ausgehend von einem bestimmten Punkt innerhalb des Reiches personaler Werte bestimmt, die sich in ihr rein, ohne Trübung wie ohne gesteigerte Besonderheit, darstellen. Der Typus ist als eine Struktur nur rationaler Sinnbestimmtheit von einer gewissen Dürftigkeit und von dem Reichtum der Individualität unterschieden, der sich in dieser vernunftmäßigen Wertkonstellation nicht erschöpft, sondern sein Wesen in einer besonderen, übervernünftigen, oft einzigartigen Bindung der personalen Werte dokumentiert. Individualität ist also hier nur im Sinne eidetischer Singularität, einzigartiger Abschattungen verstanden, nicht in dem ontischer Singularität, die dem Naturding ebenso wie der geschichtlichen Person schon durch das Wesen der Raum-Zeitlichkeit unbedingt gewährleistet ist. Es ist jene letztliche Bestimmtheit gemeint, die etwa in Spinoza nicht nur überhaupt Phantasie oder religiöses Gefühl hinter dem Erkenntnisdrang [S. 14]zurücktreten lässt – wenn wir Spinoza als typisch theoretischen Geist fassen dürfen –, sondern es in ganz besonderer Weise tut, die mir selbst wieder zu erlebten Gegebenheit durch ihren Ausdruck z.B. in seiner Systematisierungskunst oder etwa in seiner Fassung des Begriffes amor dei kommen kann. Die Möglichkeit dazu liegt – wie gesagt – darin, dass durch die charakteristische, nicht durch bloße Vernunft bestimmte Gewichtigkeit gewisser Werte für eine Person, ihre mehr oder minder konstitutive Bedeutung, die Möglichkeit für spezifische Über- und Unterordnungsverhältnisse geschaffen ist. Gewinnt diese Durchgestaltung der Wertperson einen beispielhaften Charakter der Geschlossenheit, so wird die Individualität zum Idealbild, das also nicht durch den Besitz gewisser Merkmale bestimmt ist, sondern nur als unvergleichlicher Aufbau aus und nach gewissen Werten dasteht.

Die Endlichkeit einer Person bedeutet also für ihre wirkliche Entfaltung das notwendige Zurückbleiben hinter ihrem idealen Wesen, für ihre möglichen Entfaltung 1.) die Eingegrenztheit in personale Werttypik aufgrund des Sinnzusammenhanges der gerade in ihr angelegten Werte und 2.) die Individualisierung aufgrund der aufbauenden Bedeutung ganz bestimmter Werte für ihr Wesen. Und es stellt diese Typik und Individualität der endlichen Person eine Einschränkung gegenüber der unendlichen Personalität dar, die wir Gott[3] nennen, wie immer es um deren [S. 15]Existenz bestellt sei. In Gott wären alle Werte zu sinnvoller Ausgewichtung gebracht: Er wäre über-typisch, weil keine Vereinigung besonderer Werte ihn charakterisiert, über-individuell, weil die Subordination der Werte in ihm eine reine Widerspiegelung der Rangordnung der Werte darstellt. Aus Gottes übersieghafter Ruhe, seiner vollen Entfaltetheit flössen Werke und Wirken rein und hemmungslos in eine ewige Dauer der Vollendung, nicht in jene Zeit der Geschichte, die durch Entfernung von, durch Annäherung zum Zentrum des Geistes gemessen wird. Die Geschichte ist die Geschichte endlicher Personen. Und umgekehrt: endliche Personen bedürfen zu ihrer Darstellung das Medium und die Materie der Geschichte; darin enthüllen sie im Sichentfalten ihre Werte, die sie sinnvoll zu typischen Strukturen einen, letztlich dem Wesenssinne ihrer Individualität unterwerfen. Erst in diesem letzten Stadium wächst dem Geist volle Geschichtlichkeit, d.h. Kraft der Bildung der Einheit einer Geschichte zu, wenn er zu der Individualität gelangt ist, dass seine Bemühungen die Zeiten [S. 16]und Momente, die sie erfüllen, selbst individuell und unverwechselbar gestaltet haben. Ein Punkt der Zeit wird zum Moment der Geschichte dadurch, dass in ihm die Wandlungen des Geistes eine Phase durchlaufen, die ihm nie gewesene, nie wiederkehrende Erfüllung gibt. Die Einheit der Geschichte schließt ewige Wiederkehr aus.[4]

Ist die geistige Einheit einer Person auch stets eine in der Geschichte werdende, nie wie die der Natur, auch der psychischen Natur, eine seiend gegebene, so soll doch nicht geleugnet werden, dass es ein Stadium der geistigen Entwicklung gibt, das Stadium der Reife, in dem der Mensch als geistige Person zu sich selbst gekommen, geworden scheint, was er – im transzendentalen Sinne – ist, wo sich sein personales Wesen durch vollständige Apparenz seiner Werte und deren Bedeutsamkeit für dies Wesen offenbart. Ja, dieses Stadium ist nicht einmal in dem Sinne ein Punkt des Werdens, dass es wie die Höhepunkte des animalischen und psychischen Lebens als Grenzscheide zwischen Auf- und Abstieg fungiert. Stelle ich in begrifflicher Isolierung das Leben der Person rein auf den Geist[5]; so ist prinzipiell eine unendliche Höhenwanderung möglich. Dass in Gesamtpersonen die Staat, Nation, Kirche usw. das geistige Wesen die natürlichen Fundamente mit viel abgelösterer Selbstständigkeit überbaut, ist der Hauptgrund des Glaubens an ihre „Unsterblichkeit“ und (gegenüber dem Stückwerk des Einzellebens) an die Erfüllbarkeit [S. 17]nationaler oder kirchlicher Missionen.

[1] Auf Seite 17 ff. <= hier S. ??> wird gezeigt, in welcher Einschränkung diese Behauptung verstanden werden muss.

[2] Die Verkennung ihm abseitiger Werte, fremder Lebensaufgaben, fremdpersonalen Wesens gehört ja zur anerkannten Typik des Schaffenden.

[3] Wir sprechen nur von dem unendlichen Wertwesen. Denn Gott und nicht der Teufel (beide bloß als phänomenale Gegebenheiten erfasst) überbaut die Endlichkeit des menschlichen Wesens mit unendlicher Wertvernunft, weil trotz der möglichen Gegebenheit von Unwerten in ihm in den Prinzipien seiner Lebenshaltung das Wesen der Vernunft, nicht der Widervernunft zum Durchbruch kommt: Das Gefühl eines Wertes motiviert für den Menschen vernünftig Achtung und Ehrfurcht, nicht widervernünftig Hohn und Spott, fordert Hingabe und eventuell Realisierung, nicht Auflehnung und eventuell Zerstörung,  kennzeichnet Hingabe an Werte als Treue, Hingabe an Unwerte als Verstockung. Das Gefühl des Höherwertes bedingt ihm dessen Vorzug, das des Niederwertes dessen Nachsetzung und umgekehrt. Wie unvollkommen er immer diesen Vernunftzusammenhängen gerecht wird, nur als Vernunftwesen kann er doch den Teufel als Feind und Verführer, die Sünde als Abweichung von der menschlichen Bestimmung spüren. Wie das Böse dennoch in die Welt kommt, darüber kann an dieser Stelle nicht gehandelt werden, es ist unerheblich gegenüber der absoluten Evidenz der Fassung des Menschen als Vernunft-, d.h. positiven Wertwesens.

[4] Selbst bei der apriori denkbaren Voraussetzung, dass die Fülle möglicher Individualitäten in der geschichtlichen Wirklichkeit zum immer wiederholten Auftreten derselben eidetischen Singularität zusammenschrumpfte, würden doch jeder Person an jedem Punkte und in jedem Momente der geschichtlichen Welt Aufgaben zufallen, die der Person eine besondere, so nicht wiederkehrende Entfaltung, der Welt eine besondere noch nicht geleistete Bearbeitung sicherten. Würden aber die gleichen Momente geschichtlicher Weltbearbeitung als Resultate des Auftretens verschiedener Individualitäten fungieren, so würden doch irgendwelche Punkte ihres Vor und Nach sich unterscheiden. Damit wären zugleich die Momente selbst als geschichtlich gewordene nicht nur ontisch andere, sondern inhaltlich verschiedene. Dies wäre nur dann nicht der Fall, wenn derselbe geschichtliche Moment das Auftreten derselben geschichtlichen Person bedingte und aus der Konstellation die Wirklichkeit des nächsten Momentes mit eindeutiger Notwendigkeit flösse usf. Diese Voraussetzung würde aber ein fremdes mechanisches Erklärungsprinzip in die Geschichte tragen, das in deren Wesen gar keinen Anhalt des Verständnisses findet: Ich kann begreifen, dass ein geschichtlicher Moment das Auftreten geschichtlicher Personen bestimmt, d.h. besondert, indem er aus ihnen herausgelockt, was ihm gemäß ist; welche verständliche Kraft aber soll ihn befähigen, dieses Auftreten durch Verlockung des Geistes in die Wirklichkeit erzeugend zu bestimmen?

[5] Dies bestimmt bei den Stoikern als praktische Forderung ihre eigentümlichen apologetischen Erörterungen des Alters.

„Der Konflikt“ (Fritz Kaufmann) – S. 4-10.

[S. 4]

 I. Über das Wesen der geschichtlichen Person

Wenn ich mich, hineingestellt in die Verwicklungen, Entwicklungen einer ungeheuren Geschichte frage: wodurch denn bin ich, außer dem, dass ich ein Substrat fließenden Bewusstseins, ein Lebewesen begabt mit natürlichen Kräften des Leibes und der Seele bin, wodurch bin ich Element des geschichtlichen Werdens, da ja dem Ich des bloßen reinen Bewusstseins die Weltwirksamkeit, dem natürlichen Leib-Seele-Wesen die geschichtebildende Kraft fehlt? Ich, der jetzt im Elternhaus sitzende Mensch, Bürger, Soldat, Student, bin nicht bloß wie ein Bett, in dem erlebte Inhalte immanenter Art oder mit transzendentem Bezuge aus erwarteter Zukunft in erinnerte Vergangenheit gleiten, nicht nur ein psychophysisches Wesen, das auf Eindrücke der psychischen und physischen Außenwelt mit leichter oder schwerer messbarer Gesetzlichkeit nach Eigenart und Leistungskraft seiner leiblich-seelischen Organe und Eigenschaften reagiert. Ein Blick auf das Wesen geschichtlicher Forschung belehrt über das Wesen des geschichtlichen Seins, dem sie genügen will, somit auch der geschichtlichen Person. Dem verstehenden Sicheinverleben auf der Aktseite entspricht der Intention nach auf der Gegenstandsseite, in der geschichtlichen Welt, ein dem Verständnis zugänglicher Sinnzusammenhang. Es wird nötig sein, mit einigen Worten zu sagen, was damit [S. 5]gemeint ist; es werden aber auch einige Worte genügen, da hier die Untersuchungen Husserls und seines Kreises, vor allem die vorbildlich klaren von Edith Stein[1], die Grundlage für Erörterungen schon geschaffen haben.

Diese Notwendigkeit besteht kaum für die Trennung des Sinnzusammenhangs vom Kausalnexus, dem ich selbstverständlich auch als natürliches Lebewesen unterworfen bin: Er setzt gewisse Bedingungen der Auslösbarkeit und der Weltwirksamkeit meiner Akte. Dieser Kausalnexus, der nur die tatsächliche Bedingtheit des bloßen Auftretens eines im Übrigen unerkannten Geschehnisses durch das Auftreten eines anderen für empirische Forschung sicherstellt, hat keinerlei Ähnlichkeit mit jener Sinngesetzlichkeit, die eine Einheit der Begreiflichkeit aus dem Zusammen und Nacheinander der Elemente ihres Bereiches schafft: eine der vernünftigen Einsicht verständliche Einheit deshalb, weil und soweit als sie selbst eine Einheit aus Vernunft ist. Während der Kausalnexus mit der Natur notwendig als Faktum mitgesetzt ist, weil im Wesen der Natur der Aufbau nach dem Schema Ursache-Wirkung gründet, ist die Sinngesetzlichkeit immer nur soweit realisiert, wie praktische Vernunft rein oder irrend die Wirklichkeit durchsetzt hat.[2] Damit ist auch der wichtigere Unterschied gekennzeichnet, der von Fundierungseinheit, d.h. Einheit des Wesens, und Motivationseinheit, d.h. Einheit [S. 6]des Sinnes. Fundierungseinheiten werden hergestellt durch jene wesentlichen Bindungen und Schichtungen von Fühlen auf theoretische Akte, von Wollen auf Fühlen usw. Nicht wie Sinneinheiten drängen sie erst im Sein drängend zur Wirklichkeit, sondern sind in ihm und zwar notwendig mitgegeben und strukturieren gemeinsam mit wahrnehmbaren wirksamen Eigenschaften das Ganze der seelischen Einheit, oder anders gesagt: Die seelische Einheit entsteht auf Grund differenzieller Anlagen aus der wesensmäßigen Fundierung der Subjektivitäten. Die geistige Einheit der Person dagegen wird durch das Werden eines Sinnzusammenhangs geschaffen, der das Auftreten und die Artung der Subjektivitäten aus Vernunft motiviert und nach Maßgabe personaler erlebbarer Eigenschaften verschiedener Tiefenstufen, die sich in ihnen enthüllen. Wenn ich das Werden eines Genius wie Napoleon verstehen will, so fasse ich es vornehmlich als Funktion gewisser Werte und Unwerte, in deren Entfaltung sich sein persönliches Wesen und dessen Tiefe enthüllt. Es sind dies solche Werte, die in der Stellungnahme und dem Verhältnis, die ich zu Wertrealitäten gewinne, zu erlebbarer Gegebenheit kommen, sich darin aussprechen, Werte wie Treue, wie Ehrliebe, Religiosität, Schönheitssinn, Erkenntnisdrang, Pflichtgefühl usw. – Werte, denen physisches Sein, animalische Kräfte, seelische Fähigkeiten nur Bedingungen des Auftretens vorschreiben. Diese geistigen Werteigenschaften suchen sowohl im Streben und Widerstreben, Wählen und Verwerfen der [S. 7]Person deren Stellung zu den Wertrealitäten ihrer Umwelt zu bestimmen, wie im Schaffen die Gestaltung und Umgestaltung, der sie die geschichtliche Wirklichkeit unterwirft. Also: eine geschichtliche Person ist konstituiert durch gewisse Werte, die ihr Richtungen der Selbstgestaltung und Weltgestaltung vorschreiben. Eine Person verstehen heißt: ihr Sein und Werden als Diktate dieses personalen Wertwesens begreifen.

Die Einheit der geschichtlichen Person, d.h. jene personale Geschlossenheit, die einen ungebrochenen Verständniszusammenhang ermöglicht, ist also durch ihren Vernunftcharakter nicht als feste Wirklichkeit, sondern als Aufgabe gesetzt – anders als die Einheit der Natur, ja auch als der Psyche in dieser. Ein Blick auf das Wesen der geistigen Struktur des Kindes, in dem erst die Keime des kommenden Seins zu treiben beginnen, lehrt Grund und Sinn dieser Aufgabe kennen.

Die Unfertigkeit des Kindes bedeutet neben der Unentwickeltheit seiner natürlichen Anlagen eine Undeterminiertheit, eine Vagheit der Strebungsrichtungen, in die Gesetz und Richtungsbestimmtheit erst mit der fortschreitenden Entfaltung der Persönlichkeit eintreten. Das personale Wertwesen enthüllt sich immer klarer in der Art, wie das Subjekt sein Leben, seine Umwelt gestaltet, Güter schafft und erstrebt, Wertverhältnisse eingeht und auflöst, Personen hasst und liebt. Mehr und mehr hat alles, worauf das Ich den Stempel der Bejahung drückt, auch an sich schon den Charakter der Verträglichkeit, ja – fordert sich untereinander zur [S. 8] Ergänzung: sodass eine gewisse Voraussicht möglich ist, wie sich das Subjekt zu gewissen Forderungen und Lockungen der Außenwelt, zu gewissen Personen und gewissen Leistungen, zu gewissen Fragen des Lebens stellen wird. Wir deduzieren daraus, was eine phänomenologische Beschreibung, wie wir hoffen, bestätigen würde: Das Wesen einer Person ist von Ursprung an seinen Elementen nach wie dem Gewichte nach vorgegeben, das diese Wertelemente im Gefüge der Person haben. Dieses Gefüge in Schichtung und Gliederung selbst aber entsteht erst in der Geschichte. Die Wertelemente bekommen ihre dem Wesen der Person gemäße Stellung durch Ausgewichtung, Schaffung personaler Zonen und Strukturen. Die Bildung der Person als Kosmos ist einigermaßen analog der Bildung eines großen Weltsystems. Wertatome haben untereinander Kräfte der Anziehung und Abstoßung, Beziehungen der Verträglichkeit und der Unverträglichkeit, der Ergänzungsfähigkeit und -bedürftigkeit oder der Ausschließlichkeit. Diese Atome sondern sich von jenen und schließen sich mit anderen zu molekularen Anlagezentren personalen Werdens zusammen, die in die Mitte des kindlichen Nebelsternes einzudringen suchen und sich gegenseitig ihre solarische oder planetarische Existenz anweisen. Je deutlicher sich in diesen Prozess der Ausgewichtung das Atom eines personalen Wertes, das Molekül eines Wertgefüges als Dominante des Wertwesens erweist, umso mehr werden andere Werteigenschaften mit in ihren Bannkreis gezogen, unverträgliche zu peripherischer Bedeutung herabgewürdigt, Ansätze zu anderen personalen [S. 9]Strukturen vorübergehend unterdrückt oder endgültig zerstört. So kristallisiert sich aus dem Chaos personaler Anlagen, aus vielfältigen Möglichkeiten die endliche Wirklichkeit der geschichtlichen Person.

Wir müssen nun begreifen, dass diese Personalität niemals zu endgültiger Festigkeit geschichtlicher Erscheinung erstarren kann. Dies unabänderliche Schicksal der Geschichtlichkeit gründet allerdings nicht in der Reinheit des Wesens Person, sondern in der Endlichkeit der Person. Vollendung und Vollkommenheit sind keine Kategorien des geschichtlichen Werdens, es gibt in der Geschichte keine abgeschlossene oder gar vollkommene Einheit derart, dass alles Sein und Geschehen sich je aus Vernunftgründen ganz verstehen oder gar ganz rechtfertigen ließe. Vielmehr ist die geschichtliche Entwicklung bemessen durch das Drängen nach dieser Einheit des Sinnes, die Annährung an sie, die Entfernung von ihr; und die Epochen und die führenden Persönlichkeiten treten aus dem geschichtlichen Flusse durch die vereinheitlichende Kraft und die besonders wirksame Ausprägung partikulärer Werttendenzen hervor. Die Einheit der Geschichte bedeutet nicht, wie Hegel‘scher Optimismus meint, die Einheit des Siegeszuges der Vernunft, durch die der geschichtliche Moment zur bloßen Durchgangsstation würde, sondern den permanenten, wenn auch veränderlichen Bezug der historischen Kräfte auf eine Einheit des Sinnes, eine Kontinuität der Entfaltung, die einen immer erneuten Ausgleichversuch von Wertinnenwelt und Wertaußenwelt [S. 10]der Personen darstellt.

[1] Stein, Zum Problem der Einfühlung. Halle 1917.

[2] Vernunft ist hier als die geistige Kraft verstanden, die die Akte einer Person durch Wertgerechtigkeit zu motivieren trachtet.

“Der Konflikt” (Fritz Kaufmann) – read the first pages (Titel, Vorwort, Disposition, p. 1-3)

Fritz Kaufmann

Der Konflikt. Eine Studie <1918>

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde

bei der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig eingereicht von Fritz Kaufmann aus Leipzig.

<Husserl-Archives Leuven; Nachlass Fritz Kaufmann; übertragen von T. Vongehr>

 

Vorwort

Diese Arbeit ist auf kurzem Urlaube in der Heimat niedergeschrieben worden. Sie ist aber in allem Wesentlichen im Felde und aus dem Bestreben entstanden, bedrängende Eindrücke und Fragen der Zeit dadurch zu bewältigen, dass sie in systematischem Zusammenhange zur Begreifung, Klärung und persönlichen Entscheidung gelangten. Die Kühle der Begrifflichkeit sollte nur die Hitze des Tages, nicht die Wärme lebendiger Teilnahme tilgen. – Graben und Zelt verboten die Nutzung von Literatur. Daher konnte und musste auf Zitate und Auseinandersetzungen verzichtet werden. Dennoch erhebt die Studie in keiner Weise den Anspruch reiner Originalität. Vielmehr bekennt der Verfasser dankbar den starken und entscheidenden Einfluss, den auf sein ganzes Denken sein verehrter und bewunderter Lehrer Husserl und in zweiter Linie Dilthey durch Vermittlung Eduard Sprangers ausgeübt haben.

 

Disposition

Die Absicht der Arbeit

I. Über das Wesen der geschichtlichen Person

 

II. Die Struktur des Konfliktes

  1. Die Träger des Konfliktes
  2. Die Modi der Konfliktgegebenheit
  3. Die Bedingungen der Konfliktgegebenheit

Nachbemerkung

 

III. Der Verlauf des Konfliktes

Vorbemerkung

1. Das Vorstadium des Konfliktes (die Krisis)

a) Die Seinsfrage

b) Die Unruhe der Erwartung

c) Die dissoziierenden Kräfte

d) Die Möglichkeiten der Konfliktvermeidung

e) Die Vorbereitung für den Konflikt

 

2. Die Zeit des Konfliktes

a ) Die Auslösung des Konfliktes

b) Die beherrschenden Tendenzen des Konfliktverlaufes

c) Konfliktaustrag und Konfliktbeendigung

 

C1. Latenz und Apparenz

C2. Austrag und Beendigung des inneren Konfliktes

C3. Austrag und Beendigung des äußeren Konfliktes

 

[S. 1]Die Absicht der Arbeit

Aus der Materie der geschichtlichen Welt[1] lassen sich die Objekte der Geschichtswissenschaft im engeren Sinne, die Personen und die Objekte der Geisteswissenschaften, deren Werke, herauslösen.

Geschichts- und Geisteswissenschaften, abstraktiv trennbar, sind doch in ihrem wirklichen Gesamtdasein darum untrennbar verschlungen, weil einerseits Werden und Entwicklung geistiger Gebilde nicht ausschließlich, doch vorwiegend von der Eigenart und Entfaltung endlicher Personen bedingt ist – Zusammenhänge, die Humboldt aufs tiefste erkannt hat –, weil andererseits letztes und oft einziges Dokument des persönlichen Werdegangs die geistige Wirksamkeit der Person, ihr Ausdruck im geistigen Werke ist. Dennoch ist durch die Legung des Interesseakzentes auf das geisteswissenschaftliche Moment, das Werk, oder das geschichtswissenschaftliche, die Person, eine Einzeluntersuchung mit größerer oder geringerer Entschiedenheit dieser oder jener Wissenschaft zuzuordnen. Und in der so gebotenen Relativierung des Sinnes kann sich diese Arbeit auch als Versuch an der philosophischen Grundlegung der Geschichtswissenschaften bezeichnen. Dieser Grundlegung scheinen 3 Hauptaufgaben gesteckt zu sein:

[S. 2]1.) die ontologische Skizzierung ideal-typischer Personalstrukturen höherer und niederer Ordnung, ihrer Konstituentien und des dynamischen Spieles, das in Vertiefung und Zersetzung personaler Einheiten oder Gemeinschaften den starren Zustand zum geschichtlichen Momente schmilzt;

2.) die erkenntniswissenschaftliche Prüfung der Mittel und Schranken geschichtlichen Verständnisses;

3.) die methodologische Frage nach den Formungsprinzipien der Darstellung, die die Struktur des geschichtlichen Seins und Werdens erlaubt, die Struktur des wissenschaftlichen Geistes fordert.

Um die Bedeutung der geschichtlichen Ontologie zu erweisen, wählen wir eine der ideal-typischen Formen geschichtlicher Bewegtheit heraus, in denen sich der Übergang aus einem geschichtlichen Aggregatzustand in einen anderen vollzieht: den Konflikt.

Eine Vorbemerkung: Indem wir für diese wie für jede ontologische Untersuchung Apriorität in Anspruch nehmen, liegt es uns doch fern, in jedem individuellen Konfliktfalle – zunächst oder überhaupt – nur ein Beispiel, eine Erfüllung des ideal typischen Wesens des Konfliktes sehen zu wollen. Idealtypische Wesenheiten kommen am Konkretum um des geschichtlichen Falles zu reiner oder verhüllterer Offenbarung, sie bestimmen das geschichtliche Wesen von Gegebenheiten, nicht aber das Wesen geschichtlicher Gegebenheiten. Dies schon deshalb nicht, weil in der Einmaligkeit und der [S. 3]Richtungsbestimmtheit eines geschichtlichen Stromes Wert und Wesen einer geschichtlichen Gegebenheit durch die Funktion bestimmt sind, die sie an dieser, gerade und nur <an> dieser Stelle des Flusses zu erfüllen imstande ist. Nie kann aus diesen ideal-typischen Wesenheiten der Wein der Geschichte gewonnen werden, wohl aber sind sie Gestaltschemata, kristallene Behälter, in denen er sich sammelt, aus denen er leuchtet. Damit ist für die Erkenntnis ein Bett vorgezeichnet, in das die Intentionen des Verständnisses zu leiten sind, für die methodische Darstellung sind Umrisse geschaffen, die die Blutfülle des geschichtlichen Seins und Werdens vorm vagen Zerfließen bewahren.

Was nun eigentlich der Konflikt seinem Wesen nach ist, lässt sich erst begreifen, wenn man den Boden, auf dem er sich erhebt, die Kämpfer, die ihn ausfechten, kennt: die geschichtlichen Personen, deren Betrachtung der 1. Teil der Arbeit gewidmet sein muss.

[1] Der dadurch ermöglichte Sinn der Rede von Geschichtswissenschaft bleibe ausgeschaltet.

“Der Konflikt” – Fritz Kaufmann’s first dissertation (1918)

Fritz Kaufmann (1891-1958) wrote his first dissertation during the first world war. The work, whose topic (“Der Konflikt”) was chosen in reaction to the war, stands under the influence of Husserl, Dilthey and Spranger. The university of Leipzig and probably his teacher Eduard Spranger didn’t accept the dissertation. We don’t know the reasons why Kaufmann failed. But it’s obvious that style and argumentation of the dissertation are problematic. The manuscript of this dissertation (146 typewritten pages) is housed together with other writings of Fritz Kaufmann in the Husserl-Archives at the KU Leuven (“Kaufmann Nachlass”). In this blog we like to make parts of the dissertation accessible and hopefully to start up a discussion about it. Beside the doubtable quality we believe that the dissertation has an historical value because it’s one of the earliest (phenomenological) reflections (1918) about the war.

Pages from Kaufmann, Fritz - Der Konflikt (Diss. m. Annot.)aaa Pages from Kaufmann, Fritz - Der Konflikt (Diss. m. Annot.)-2aaaas