30.X.1914 “Hurra! Zweite Feldpost bekommen”

Wolfgang Husserl an Elli Husserl, 30. X. 1914

Liebe Elli!

Hurra! Zweite Feldpost bekommen. Wir haben uns darüber gefreut wie über eine Weihnachtsbescherung. Danke Dir sehr für Deine Photos und Dein Schreiben. Wir haben von Euch ein Pack Schokolade, 2 Schachteln Zigaretten und Zwiebäcke und Briefe bis zum 24. erhalten. Ich glaube, es geht nichts verloren. Ich habe einen Brief aus Ingelmunster <erhalten>, einen Brief mit Gerhart zusammen und gestern einen großen geschrieben. Wenn der etwas flüchtig ausgefallen ist, nehmt‘s nicht übel. Einer unsrer besten Kameraden ist Dr. Niese, ich sage zu ihm Du.

Postwagen
Postwagen

L<iebe> E<lli>, macht Euch keine Sorgen um uns, es geht uns sehr gut. Heute gut gegessen!! Wir beide machen nichts allein, sind immer zusammen. Neulich hat unsere Artillerie dem Feind drei Maschinengewehre kaputt gemacht.

Wolfgang.

28.X.1914 “Ja bei Gott, Ihr könnt Euch nicht klarmachen, wie furchtbar der Krieg ist”

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 28. X. 1914

Liebe Eltern!

Heute ist Ruhetag, d.h. wir befinden uns in einem größeren Gehöft, einige 100 Meter hinter der Schützenlinie, zwölf Stunden, um zu schlafen und zu essen. Eben war die langersehnte Feldküche, oder, wie wir sie nennen, die Gulaschkanone da, die uns großartig versorgte.

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Feldküche
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Posten in der Nacht

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27.X.1914 “Ringsum verbrannte Gehöfte, tote Kühe, platzende Schrapnells, dazwischen Leib an Leib wir Brüder”

Wolfgang Husserl an M. und E. Husserl, 27. X. 1914

Soeben zum ersten Mal Feldpost im Schützengraben nach einem Nachtgefecht erhalten. Hurra! Tausend Dank für die Fußlappen, zwei Sendungen Schokolade und die Karten und Briefe vom 15.-19. Oktober.

W.

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Im Schützengraben

 Gerhart Husserl an M. und E. Husserl, 27. X. 1914

Liebe, liebe Eltern!

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Zerstörte Landschaft bei Ypern

Heute kam die ersehnte Feldpost! Welches Glück, von der Heimat zu hören, nach der unser aller heiße Sehnsucht geht. Ach, wie herrlich muss es sein mit Euch wieder in Göttingen. Wir sind wieder bei der Kompanie, die sich auf 110 Mann beläuft und liegen im vordersten Schützengraben. Tag und  Nacht wenige hundert Meter vorm Feind. Ihr wisst, Stimming und Götting sind tot, wahrscheinlich auch Bernhard Runge. Meine besten Kameraden sind gerade verwundet oder tot. Die Offiziere unseres Bataillons erhielten sämtlich das Eiserne Kreuz. … Ringsum verbrannte Gehöfte, tote Kühe, platzende Schrapnells, dazwischen Leib an Leib wir Brüder.

Herzlichst Gerhart

26.X.1914 “Dass Wolfgang und ich völlig unversehrt geblieben bis heute, ist ein Wunder”

Bei Langemarck nördlich Ypres <Ypern>, Westflandern, 26.X.post-1473-1201218386 14

Das ist heute der 7.te Tag der Schlacht bei Langemarck. Man hat sich daran gewöhnt; wenn nicht gerade Granaten in nächster Nähe einschlagen, bleibt man unbekümmert. Der Schützengraben, den wir uns gestern aushoben, ist gut 1 m tief, und indem ich darin sitzend schreibe, lasse ich seelenruhig vereinzelte Gewehrkugeln darüberhin pfeifen. Seit 4 Tagen bin ich mit circa 50 anderen aus dem Kompanieverband gekommen und als Deckung der Artillerie zugeteilt, d.h. wir befinden uns zu 20 Mann in der Nähe der Geschütze von zwei Batterien, dazu bestimmt, im Falle eines plötzlichen Angriffes die im Nahkampf unbrauchbaren Kanonen zu verteidigen. … Ich hätte nie gedacht, dass Artillerie eine so üble Sache für den betreffenden Teil ist, bis wir es neulich, am Tage unserer Feuertaufe, gründlich merkten.

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18.X.1914 “Wir hofften viel früher ins Feuer zu kommen”

Liebe Eltern!

epaper-1914-10-18aHeute wurden uns die neuen Siege mitgeteilt. Dass wir Engländer nicht mit aus Ostende und Brügge vertreiben durften (sondern das 3. Reserve-Corps) hat uns sehr geärgert. Wir hofften viel früher ins Feuer zu kommen, als das jetzt wohl geschehen wird. Wir befanden uns nämlich auf dem Marsch gegen Ostende und Brügge. Heute Mittag kehrten wir plötzlich um und bezogen Quartiere, wir sollen also wohl woanders hinkommen. Der Marsch geht jetzt ungefähr halb so schnell als auf dem Übungsplatz, da der Tornister außerordentlich hinderlich ist und alle Augenblicke Halt gemacht und die Gewehre zusammengesetzt werden, um die Artillerie, Sanitätskolonnen, Stabsautos etc. vorbeizulassen. Wir gehören zur Armee des Herzogs Albrecht von Württemberg.

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15.X.1914 “Wir werden meist mit Erbsensuppe abgefüttert”

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Liebe Eltern!

Auf unserer Rundreise durch Belgien kamen wir gestern Nachmittag nach Namur, das sehr schön liegt. Die Spuren der Belagerung sind nicht zahlreich, wir sahen nur Schützengräben, ein zerschossenes Fort und verbrannte Häuser.

Wir fahren mit unglaublicher Langsamkeit, da alle paar Stunden ein Militärzug fährt. Dreimal am Tag werden wir meistens mit Erbsensuppe abgefüttert.
Belgien macht einen kultivierten Eindruck und ist landschaftlich reizvoll, besonders belgisch Luxemburg. Belgian Franctireurs, prisoners of German HussarsDas ganze Land wimmelt von netten Landsturmleuten, die Eisenbahn ist ganz deutsch. Gestern begegneten wir einem Zug gefangener Franctireurs. Eben steigen wir aus und setzen die Gewehre zusammen. Wir befinden uns in Grammont (zwischen Brüssel und Gent).

Wolfgang

14.X.1914 “Zickzack-Reise” in den Krieg

Mobilmachung, Truppentransport mit der Bahn
Mobilmachung, Truppentransport mit der Bahn

Gerhart Husserl an Elli Husserl

Grupont (Belgien), 14.10.14. 9h morgens.

Liebe Elli!

Das ist eine Zickzackreise! Von Köln südlich nach Euskirchen, dann nordwestlich über Düren nach Malmedy, wo wir um 11 Uhr nachts zum letzten Mal auf deutschem Boden verpflegt wurden. Dann weiter bis Libramont (südwestlich) und nun wieder nordwestlich, wer weiß, wohin. Wundervoller Morgen, prachtvolle waldige Gegend mit bayrischen Landsturmleuten. Vielleicht sind wir die Nacht in Lüttich oder Namur oder Frankreich. Bis jetzt fahren wir schon 45 Stunden, ja, und waschen ist auch nur mehr eine Glücksache.

Gerhart

Die Söhne des Philosophen Husserl im Weltkrieg (Kriegsbriefe Husserl-Söhne – KHS)

Wolfgang Husserl wird am 18.Oktober 1895 in Halle geboren. Knapp sechsjährig zieht er mit seinen Eltern nach Göttingen, wo er die meiste Zeit seiner 20 Lebensjahre verleben wird. Im August 1914 werden er und sein zwei Jahre älterer Bruder Gerhart zum Kriegsdienst eingezogen; die etwa vier Jahre ältere Schwester Elisabeth leistet Lazarettdienst.

Soldat Wolfgang HusserlDer Vater, Edmund Husserl, zeigt sich zu Kriegsbeginn, wie viele andere, begeistert und voller Stolz. Er schreibt an seinen Bruder in Wien: „Die Mobilisation hat sich in bewunderungswürdiger Weise vollzogen, es war herzerhebend zu sehen, wie diese strammen prächtigen Regimenter, immer neu gebildet, hinauszogen. Was hier alles geleistet wird – dieses Opferwilligkeit in allen Volkskreisen, diese Zuversicht, dieser feste Wille zu siegen oder zu sterben <. . . > – all das ist unvergleichlich. Dieses Deutschland ist unbesiegbar!“ (Husserl-Briefwechsel Bd. IX, S. 289)

Am 20. Februar 1915 wird Wolfgang durch einen Lungenschuss erstmals schwer verwundet, kehrt aber bald wieder zurück ins Kriegsgeschehen, und zwar diesmal nach Etain, das etwa 20 km nordöstlich von Verdun liegt.

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