Hedwig Conrad-Martius und Theodor Conrad: Aus dem Phänomenologenheim in Bergzabern

Conrad-Martius - Bio Apfel

 

Zur Erinnerung an Hedwig Conrad-Martius

 

<Der folgende, mehr anekdotenhafte Text wurde ursprünglich für das “Mitteilungblatt” Nr. 35 (2012) des Husserl-Archiv Leuven geschrieben. – Durch Recherchen der letzten Jahren wurde einige Informationen zum Bergzaberner Phänomenologenkreis zusammengetragen und dadurch die Erinnerung an die kleine phänomenologisierende Gemeinschaft fernab von den damaligen phänomenologischen Zirkeln an den Universitäten in Göttingen, Freiburg und München wachgehalten. Im Folgenden werde ich lediglich einige „Schätze“ des Archivs vorstellen, die in den Bergzaberner Zusammenhang passen – ohne näher auf die Bedeutung dieses Kreises einzugehen (vgl. dazu ausführlicher Joachim Feldes: „Dem Bergzaberner Kreis auf der Spur“, in: Gottstein, Dietrich/Sepp, Hans Rainer: Philosophie des Politischen und einer Philosophischen Kosmologie. Eberhard Avé-Lallemant zum 80. Geburtstag, 2008, S. 315–331).>

 

Aus dem Phänomenologenheim in Bergzabern.

Über wirkliche Wirklichkeit: Orangenreinette und Ananasreinette, Pensionäre, Truthähne,

Plantagenarbeit und die Pflanzenseele

 

Papiere aller Art, wie Einladungsschreiben, Universitätsankündigungen, Bankauszüge und Briefe finden sich in großer Zahl unter Husserls Manuskripten. Er benutzte diese als Umschläge, als Titel- und Zwischenblätter und für seine Notizen. Das kleinformatige Blatt mit der Archivpaginierung „6“ aus dem Konvolut A VI 6 trägt die Aufschrift „Motivation und Assoziation“. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Blatt jedoch um den Schlussteil eines Briefes, von dem man noch folgende Zeilen lesen kann:

“<…> bei ihm aufgestapelt. Alter Hausbau und Plantage nahmen bisher zuviel Zeit in Anspruch. Bitte

grüßen Sie auch Ihre Frau Gemahlin aufs Beste. Ihre dankbar ergebene Hedwig Conrad-Martius.”

Was hat es mit dieser Plantage, die „bisher zuviel Zeit in Anspruch“ nahm, auf sich? – Die Briefschreiberin, Hedwig Conrad-Martius, gehörte zum Göttinger Schülerkreis Husserls. Sie promovierte 1912 mit der von der Philosophischen Fakultät in Göttingen preisgekrönten Arbeit „Die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Positivismus“. In seinem Gutachten bescheinigt Husserl ihr „ungewöhnliche Fähigkeiten phänomenologischer Analyse und philosophischer Kritik“. Ein anderes Mal hebt er ihre „frappante Originalität“ hervor. Die Promotionsfeier findet auf Einladung Husserls – es „soll ordentlich gefeiert werden“ – in seinem Haus statt. Wenig später heiratet Hedwig ihren Studienkollegen Theodor Conrad (Neffe von Theodor Lipps und Gründer der Göttinger Philosophischen Gesellschaft). Noch im selben Jahr zieht das Paar in die Pfalz, und zwar in die Heimatstadt von Theodor Conrad nach Bergzabern.

Die Jungvermählten entscheiden sich gegen eine akademische Karriere; sie erwerben eine Obstplantage, aus deren Erträgen sie fortan ihren Lebensunterhalt finanzieren wollen. Erst im Jahr 1937 geben sie diese Plantage auf und ziehen nach München. Während dieser 25 Jahre war ihr Haus am Eisbrünnleweg (heute Neubergstraße 16) ein Treffpunkt für zahlreiche Phänomenologen. Husserl spricht mit ironischem Unterton von der „philosophischen Insel in Bergzabern“. Für Edith Stein, die sich mehrfach und über längere Zeiträume im Haus der Conrads aufhält – und hier im Jahr 1921 beim Lesen der Autobiographie der Teresa von Ávila wohl den entscheidenden Anstoß für ihre Konversion erhält –, ist es schlicht das „Phänomenologenheim“.

Im Archiv befindet sich ein Brief, den Theodor Conrad kurz vor seinem Tod im März 1969 an Pater Van Breda geschrieben hat. Er erzählt:

“Bergzabern <…> wurde 1912 meiner Frau und mir eine neue Heimat. Zwar war ich in Vorbereitung zu einer Husserl bereits genehmen Privatdozentur bei ihm, musste jedoch diesen Plan aufgeben zugunsten unserer Existenz, die wir durch den Aufbau einer größeren Obstanlage zu sichern glaubten. Bergzabern war der Treffpunkt vieler Phänomenologen geworden. Tagsüber griffen sie herzhaft bei unserer Gartenarbeit zu, um dann abends philosophieren zu können. Es kamen: die uns bis dahin unbekannte Edith Stein, die oft Monate lang unserer Gast war, ferner Philipp Schwarz (aus dem nahen Landau), dann sehr oft Jean Hering, und öfter auch Koyré (aus Paris), ferner Hans Lipps, der bei Husserl promoviert hatte, welcher einmal den Verfasser der „Unsichtbaren Flagge“ Peter Bamm mitbrachte, womit der Weg zu seiner späteren philosophischen Ratgeberin Hedwig Conrad-Martius gebahnt war; insbesondere für seine späteren Bücher.”

Weitere Bergzabern-Details hat Karl Schuhmann für das Archiv gesammelt. Unter den von ihm so bezeichneten „Notizen zu meinem Besuch bei Dr. Theodor Conrad, Starnberg, am 27. 7. 1968“ findet sich der Hinweis, dass der Vorschlag zum Erwerb der Obstplantage von Conrads engstem Freund, Alfred von Sybel (ebenfalls Gründungsmitglied der Philosophischen Gesellschaft in Göttingen), kam, und dass Conrad in der Vorbereitung darauf zuvor ein halbes Jahr Obstbaukunde studiert hatte. Aufgrund dieser Gesprächsnotizen wissen wir auch über die damals kultivierten Obstsorten Bescheid: „Unter anderem pflanzte Conrad in Bergzabern die Sorten Weißer Rindercalvill, Orangenreinette und Ananasreinette.“

Zeitweilig reicht der finanzielle Ertrag der Obstplantage für den Lebensunterhalt nicht aus. Die Conrads müssen daher Zimmer in ihrem Haus vermieten. Anfang Mai 1925 wendet sich Hedwig Conrad-Martius an Fritz Kaufmann, der kurz zuvor bei Husserl in Freiburg promoviert hatte:

“Wir sind wegen erheblicher pekunärer Schwierigkeiten gezwungen, in unser Haus 1-2 Pensionäre aufzunehmen. Und haben schon dementsprechende Anschläge an die schwarzen Bretter einiger Universitäten machen lassen. Weil wir dachten, dass das sehr schöne ruhige Zimmer mit prächtiger Aussicht und der großen Veranda und überhaupt die ganze Situation für einen Dozenten oder Studenten, der längeren Erholungs- oder ruhigen Arbeitsaufenthalt wünscht, speziell geeignet wäre. <…> An Pension müssten wir etwa 150 Mark monatlich bekommen, damit einigermaßen der uns notwendige pekunäre Zuschuss dabei herauskommt. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass unser Haus ganz im Grünen liegt, umgeben von unserer kleinen Obstplantage mit dahinter ansteigenden Weinbergen und Wald. Im Wald ist man in 5 Minuten.”

Die „wirkliche Wirklichkeit“ – um einen von Conrad-Martius verwendeten Ausdruck aufzugreifen –, also finanzielle Schieflagen, gesundheitliche Probleme sowie die zeitraubende und körperlich fordernde Arbeit auf der Obstplantage, ließ kontinuierliche philosophische Arbeit oft nicht zu. Das wird neben dem eingangs zitierten Briefragment auch aus einer Reihe anderer Briefe deutlich. So schreibt Alexander Pfänder im Juni 1922 an Husserl, dass sich “Frau Conrad-Martius durch geistige Erschöpfung und Dringlichkeit der Plantagen-Arbeit genötigt <sieht>, die Druckfertigmachung ihres Beitrags zu unterbrechen und den Rest für den nächsten Jahrbuch-Band zu verschieben.”

Auch Edith Stein weiß, dass sie fürs Briefeschreiben – wie sie im Sommer 1922 Roman Ingarden berichtet – die Zugfahrt in die Pfalz nutzen muss, denn „in Bergzabern wartet die Ernte, und da gibt es dann nicht viel Muße zum Schreiben“. Husserl kannte die Lebenssituation der Conrads offenbar recht gut. Als er Anfang 1923 einen Stipendiumsantrag für Hedwig Conrad-Martius unterstützt, empfiehlt er ihr, diesen damit zu begründen, dass sie ihre Schriften nicht fertigstellen kann, „da Sie für den Zweck der Selbsterhaltung Plant<agen>arbeit leisten mussten etc.“ Auch später (so im Jahr 1930 im Rahmen einer Bewerbung um ein Forschungsstipendium bei der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft) setzt sich Husserl mit ganz ähnlichen Argumenten und Hinweisen auf die schwierige Lebenssituation für Conrad-Martius ein:

“Es wäre dringend zu wünschen, dass einer so ungewöhnlich begabten und so eigenartigen philos<ophischen> Persönlichkeit endlich ein freier Lebensraum geschaffen und ihr damit ermöglicht würde, ihre Zeit und Kraft der philos<ophischen> Forschung zu widmen.”

Trotz aller Anteilnahme am Lebensweg von Conrad-Martius tritt Husserls Skepsis bezüglich ihres „Philosophierens“ im Laufe der Jahre immer deutlicher hervor. Während er 1919 noch ganz unverfänglich in einem Brief an die Conrads der „guten alten Göttinger Zeit u. der herrlichen Pläne, die wir gemeinsam entworfen“ gedenkt und seine „lieben Freunde“ an „das wundervolle Abschiedsfest für ‚Fräulein Martius‘“ erinnert, schreibt er 1921 seinem Schüler Winthrop Bell über die gerade erschienenen „Metaphysischen Gespräche“:

“Haben Sie die reizvollen Gespräche d<er> Frau Martius gelesen? Ich that es mit Kopfschütteln. Von ‘Phil<osophie> als strenge Wissenschaft’ will man dort nichts wissen. Sinnig-seelenvolle Romantik. Baader der führende Philosoph (Zeitgenosse Schellings).”

Und als Husserl im Jahr 1932 an Conrad-Martius schreibt, da wendet er sich zumindest in philosophischer Hinsicht sogleich von ihr ab:

„Mitgehen kann ich auf Ihren metaph<ysischen> Wegen nicht. Ihr Philosophieren ist von dem was ich Phän<omenologie> nenne, durch Abgründe geschieden. Ich erwarte nicht mehr, daß Sie noch Zeit u. innere Freiheit finden werden ein, freilich sehr mühevolles, langdauerndes Studium meiner größeren Arbeiten (von den ‚Ideen‘ ab gerechnet) durchzuführen u. daß Sie also noch dahin kommen werden zu wissen, was ich Phän<omenologie> nenne – das wäre natürlich die Voraussetz<un>g jeder Zustimmung oder Ablehnung. Immerhin interessiere ich mich sehr für Ihren Werdensgang u. den eigenen Stil, den Sie philos<ophisch> ausbilden.“

Ist es nicht verlockend, den „eigenen“, den „eigenartigen“ philosophischen Stil, die „frappante Originalität“ von Conrad-Martius, die Husserl verschiedentlich anspricht – was ihn ja irgendwie anzuziehen schien –, in einen Zusammenhang mit ihrem Lebensstil zu setzen: ein Leben „in ländlicher Abgeschiedenheit fern allem akademischen Betrieb“, wie es 1934 in einem Zeitungsartikel beschrieben wird. Steht die tätige Kultivierung der Pflanzenwelt (zum Broterwerb) in einem befruchtenden Verhältnis zur philosophischen Reflexion, wie man doch angesichts des Titels ihrer Vortragsreihe aus dem Jahr 1934 über „Die ‚Seele‘ der Pflanze“ zumindest mutmaßen darf?

Aber halt! Gab es da nicht noch einen anderen Phänomenologen, den es in die Landwirtschaft verschlagen hatte und für dessen Lebenssituation – anders als bei Conrad-Martius – Husserl die schönsten, weil ermutigenden Worte fand? Johannes Daubert betätigte sich ab 1919 als Landwirt zuerst auf einem Gut in der Nähe von Maisach, bis zum Lebensende dann im Hopfenanbaugebiet in der Holledau bei München. In seinem als „Truthahnbrief“ bekannt gewordenen Schreiben an Daubert aus der Weihnachtszeit 1923 – Husserl bedankt sich für die Übersendung eines gewichtigen Truthahnes – beklagt er, dass dieser ihm nicht auf seinem philosophischen Weg der letzten Jahre zur Seite gestanden hätte. Am Schluss des Briefes zollt er ihm jedoch wiederum höchsten Respekt für seine Lebensentscheidung: „Für mich sind Sie semper idem, durch und durch Philosoph (‚wesensmäßig‘), und wenn Sie sich als Landwirt wohl fühlen, so ist es zweifellos recht, weil es philosophisch echt ist. Philosophie ist auch Leben u. nicht bloß ein professorales Dozieren.“

(zusammengesammelt von T. Vongehr)

 

 

 

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