“Der Konflikt” (Fritz Kaufmann) – read the first pages (Titel, Vorwort, Disposition, p. 1-3)

Fritz Kaufmann

Der Konflikt. Eine Studie <1918>

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde

bei der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig eingereicht von Fritz Kaufmann aus Leipzig.

<Husserl-Archives Leuven; Nachlass Fritz Kaufmann; übertragen von T. Vongehr>

 

Vorwort

Diese Arbeit ist auf kurzem Urlaube in der Heimat niedergeschrieben worden. Sie ist aber in allem Wesentlichen im Felde und aus dem Bestreben entstanden, bedrängende Eindrücke und Fragen der Zeit dadurch zu bewältigen, dass sie in systematischem Zusammenhange zur Begreifung, Klärung und persönlichen Entscheidung gelangten. Die Kühle der Begrifflichkeit sollte nur die Hitze des Tages, nicht die Wärme lebendiger Teilnahme tilgen. – Graben und Zelt verboten die Nutzung von Literatur. Daher konnte und musste auf Zitate und Auseinandersetzungen verzichtet werden. Dennoch erhebt die Studie in keiner Weise den Anspruch reiner Originalität. Vielmehr bekennt der Verfasser dankbar den starken und entscheidenden Einfluss, den auf sein ganzes Denken sein verehrter und bewunderter Lehrer Husserl und in zweiter Linie Dilthey durch Vermittlung Eduard Sprangers ausgeübt haben.

 

Disposition

Die Absicht der Arbeit

I. Über das Wesen der geschichtlichen Person

 

II. Die Struktur des Konfliktes

  1. Die Träger des Konfliktes
  2. Die Modi der Konfliktgegebenheit
  3. Die Bedingungen der Konfliktgegebenheit

Nachbemerkung

 

III. Der Verlauf des Konfliktes

Vorbemerkung

1. Das Vorstadium des Konfliktes (die Krisis)

a) Die Seinsfrage

b) Die Unruhe der Erwartung

c) Die dissoziierenden Kräfte

d) Die Möglichkeiten der Konfliktvermeidung

e) Die Vorbereitung für den Konflikt

 

2. Die Zeit des Konfliktes

a ) Die Auslösung des Konfliktes

b) Die beherrschenden Tendenzen des Konfliktverlaufes

c) Konfliktaustrag und Konfliktbeendigung

 

C1. Latenz und Apparenz

C2. Austrag und Beendigung des inneren Konfliktes

C3. Austrag und Beendigung des äußeren Konfliktes

 

[S. 1]Die Absicht der Arbeit

Aus der Materie der geschichtlichen Welt[1] lassen sich die Objekte der Geschichtswissenschaft im engeren Sinne, die Personen und die Objekte der Geisteswissenschaften, deren Werke, herauslösen.

Geschichts- und Geisteswissenschaften, abstraktiv trennbar, sind doch in ihrem wirklichen Gesamtdasein darum untrennbar verschlungen, weil einerseits Werden und Entwicklung geistiger Gebilde nicht ausschließlich, doch vorwiegend von der Eigenart und Entfaltung endlicher Personen bedingt ist – Zusammenhänge, die Humboldt aufs tiefste erkannt hat –, weil andererseits letztes und oft einziges Dokument des persönlichen Werdegangs die geistige Wirksamkeit der Person, ihr Ausdruck im geistigen Werke ist. Dennoch ist durch die Legung des Interesseakzentes auf das geisteswissenschaftliche Moment, das Werk, oder das geschichtswissenschaftliche, die Person, eine Einzeluntersuchung mit größerer oder geringerer Entschiedenheit dieser oder jener Wissenschaft zuzuordnen. Und in der so gebotenen Relativierung des Sinnes kann sich diese Arbeit auch als Versuch an der philosophischen Grundlegung der Geschichtswissenschaften bezeichnen. Dieser Grundlegung scheinen 3 Hauptaufgaben gesteckt zu sein:

[S. 2]1.) die ontologische Skizzierung ideal-typischer Personalstrukturen höherer und niederer Ordnung, ihrer Konstituentien und des dynamischen Spieles, das in Vertiefung und Zersetzung personaler Einheiten oder Gemeinschaften den starren Zustand zum geschichtlichen Momente schmilzt;

2.) die erkenntniswissenschaftliche Prüfung der Mittel und Schranken geschichtlichen Verständnisses;

3.) die methodologische Frage nach den Formungsprinzipien der Darstellung, die die Struktur des geschichtlichen Seins und Werdens erlaubt, die Struktur des wissenschaftlichen Geistes fordert.

Um die Bedeutung der geschichtlichen Ontologie zu erweisen, wählen wir eine der ideal-typischen Formen geschichtlicher Bewegtheit heraus, in denen sich der Übergang aus einem geschichtlichen Aggregatzustand in einen anderen vollzieht: den Konflikt.

Eine Vorbemerkung: Indem wir für diese wie für jede ontologische Untersuchung Apriorität in Anspruch nehmen, liegt es uns doch fern, in jedem individuellen Konfliktfalle – zunächst oder überhaupt – nur ein Beispiel, eine Erfüllung des ideal typischen Wesens des Konfliktes sehen zu wollen. Idealtypische Wesenheiten kommen am Konkretum um des geschichtlichen Falles zu reiner oder verhüllterer Offenbarung, sie bestimmen das geschichtliche Wesen von Gegebenheiten, nicht aber das Wesen geschichtlicher Gegebenheiten. Dies schon deshalb nicht, weil in der Einmaligkeit und der [S. 3]Richtungsbestimmtheit eines geschichtlichen Stromes Wert und Wesen einer geschichtlichen Gegebenheit durch die Funktion bestimmt sind, die sie an dieser, gerade und nur <an> dieser Stelle des Flusses zu erfüllen imstande ist. Nie kann aus diesen ideal-typischen Wesenheiten der Wein der Geschichte gewonnen werden, wohl aber sind sie Gestaltschemata, kristallene Behälter, in denen er sich sammelt, aus denen er leuchtet. Damit ist für die Erkenntnis ein Bett vorgezeichnet, in das die Intentionen des Verständnisses zu leiten sind, für die methodische Darstellung sind Umrisse geschaffen, die die Blutfülle des geschichtlichen Seins und Werdens vorm vagen Zerfließen bewahren.

Was nun eigentlich der Konflikt seinem Wesen nach ist, lässt sich erst begreifen, wenn man den Boden, auf dem er sich erhebt, die Kämpfer, die ihn ausfechten, kennt: die geschichtlichen Personen, deren Betrachtung der 1. Teil der Arbeit gewidmet sein muss.

[1] Der dadurch ermöglichte Sinn der Rede von Geschichtswissenschaft bleibe ausgeschaltet.

2 thoughts on ““Der Konflikt” (Fritz Kaufmann) – read the first pages (Titel, Vorwort, Disposition, p. 1-3)

  1. Dear Thomas,

    Thanks for giving us a glimpse of this amazing document. Do you if there’s any plan to do something with Kaufmann’s Nachlass (in possession of the Husserl Archives)?

    MfG!

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